«Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.» (Johannes 17, 3)
Leben stammt aus der Liebe und zeugt von der Liebe und weckt sie. Ewiges Leben ist die Gabe der unablässig sich gleich bleibenden und keine, auch nicht die leiseste Veränderung und Trübung in sich aufkommen lassenden Liebe. Dieses unaufhörliche Leben der seligen Bewegung aus heiliger Stille und in ihr und wiederum zu ihr zeugt von der heiligen Liebe, und wo es wohnt und waltet, da weckt es Leben, das seine Kraft in sich bewahrt und je stärker wird, je mehr man sie beansprucht und verlangt.
Ewiges Leben ist nicht nur ein zukünftiges Gut, ja nicht einmal in erster Linie der kommenden Zeit angehörig. Wer es jetzt, im Lande der Widersprüche und des Streites, auf der kalten und winterlichen Erde noch nicht hat, wird es späterhin nicht erlangen. Sein Jetzt unterscheidet sich von seinem Einst nur dadurch, daß dieses ohne Trübung und Störung voll in die Erscheinung des klaren Lichtes tritt, während jenes noch unter Schatten und Hüllen lebt und wirkt. Wer in der Welt des Kampfes nicht Lebensgaben hat und braucht, wird zu der Welt des Sieges nie gelangen.
Das ewige Leben, Inbegriff alles Lebensgutes, hier Wahrheit, dort Wirklichkeit, hier Seligkeit auf Hoffnung, dort Seligkeit des Besitzes, steht darin, daß man Gott nicht verstandesmäßig erkennt – wer vermag dies, da sein Friede und sein ganzes Wesen alle Erkenntnis übersteigt und alle Begriffe hinter sich läßt? – sondern mit innigstem Vertrauen als den erfaßt, was er jedem sein will: höchstes Gut, reinstes Licht, reichste Gabe, als das einzige Ich, für das und auf das hin zu leben der Mühe wert ist. Erkennen ist liebend erfassen, wie sich der Müde ganz von der Frische des Waldes und seiner Stille, der Wanderer ganz von dem Frieden der Heimat umfangen läßt. Er kann nicht im einzelnen erklären noch stückweise feststellen, was ihn so froh macht. Die Waldes-, die Heimatsluft, die ihn umgibt, die er einatmet, ist Freude genug. Nur das verlangt Gott von dem, der sein genießt, daß er ganz sich von ihm erfüllen, antun, erfassen und umgeben läßt. Solche Erkenntnis, der Dank, der die Gnade einatmet, ist das Leben, das immer völliger wird, je näher die Seele der Quelle und dem kommt, der sie ihr erschloß.
Der uns mit seinem Geiste erfaßt, mit seinem Troste erfüllt, in seinem Frieden bewahrt und erfreut, ist allein wahrhaftig des Namens wert, wie ihn Luther im großen Katechismus erklärt, daß von ihm alle gute Gabe herkomme, und er der Brunnquell aller Güte ist. Götter ringsum, aber sie beschweren die Seele und lassen das Herz leer, sie verheißen und halten nicht, sie verlangen und geben nicht. Götter ringsum, die den fernen Blick täuschen, aber vor dem genauen nicht zu bleiben vermögen; lichte Gestalten, deren Schein betört, und deren Wesen zerstört.
Du allein bist wahrhaftig gut. Denn in dir lebt die Seele, die an allem andren stirbt. Wenn jener einen großen Gedanken wünschte, davon er leben möge, du bist der einzige Gedanke, der das Herz erfüllen soll, die einzige Wirklichkeit, die es erfüllen kann.
Ich aber sehe dein Wesen und seine Klarheit, vernehme dein Wort und seine Wahrheit, blicke in dein Herz und seine Güte durch den von dir gesandten Jesum, den du mit deinen Gaben gesalbt hast, so daß von seinem Antlitz die volle Klarheit erscheint.
Er hat sich den Seinen ganz nahe getan, damit sie in seiner sehbaren und nicht unnahbaren Menschheit die Tugend und die Herrlichkeit des unsichtbaren Gottes erschauen möchten: denn wer ihn sieht, der sieht den Vater. Er ist als Jesus gesandt worden, ein Arzt der Schwachen, ein Helfer der Müden, ein Heiland der Verlassenen. Wie der Vater den hehren Gottesnamen erst durch sich zu rechten Ehren gebracht und alles Große und Gewaltige, Herrliche und Heilige, Gütige und Gnädige, was ein Menschenherz mit tiefster Sehnsucht wünscht, in sich verwirklicht und beschlossen, in sich dargestellt hat, so hat der viel gebrauchte Name Jesus erst in dem mit dem heiligen Geiste Gesalbten seine eigentliche Erfüllung gefunden.
Zwar sind viele dieses Namens gewesen, dieweil sie der Tod nicht bleiben ließ. Aber der von Gott gesandte Jesus, der den heiligen Geist ohne Maßen empfangen hat, der mit dem Geist der Weisheit und Lindigkeit, mit dem Geiste des Gehorsams zum Tun und Leiden, mit dem ratsamen und hilfsbereiten Geiste erfüllt war, hat den Namen ganz nach allem, was man von ihm erwartet, zur Erfüllung gebracht. Er ist Helfer und Hilfe, Heiland und heilig, Arzt und Arznei.
Ihn erkennen und in ihm den Vater, das ist eine Pflicht, die ein ganzes, auf Erden anhebendes und weit über sie ausgreifendes Leben beschäftigt, aber auch ein seliges Recht, das jede Stunde bereichert und von der Ewigkeit nicht ausgebraucht wird.
Wir wissen vom ewigen Leben so wenig, daß uns vor seiner gähnenden Leere graut und vor seiner erhabenen Langweiligkeit, wie einer gemeint hat, Angst anwandelt. Hier zeigt Jesus, wie unübersehbar groß, wie unausschöpflich reich, in die Weite wie in die Höhe, in die Tiefe und Ferne gehend das Leben ist. Denn Leben ist Erleben. Wie aber kann das, was die Ewigkeit beschäftigt und aus ihr auf die Erde gereicht hat, von dem kurzen Leben der Erde ganz erfaßt werden!
Um Ewigkeiten zu erleben, bedürfen wir ihrer, und, um in ihnen zu leben, muß unser Herz, Mut und Sinn ewig werden. Wahrlich, wem Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit ist (Jakob Böhme), der ist befreit von allem Streit. Werden und Gewordensein, Anfang und Ausgang der Geschichte, Sein und Sosein des armen Menschen-Ich beschäftigt den ewigen Gott also, daß er diesen Armseligkeiten seinen eingeborenen Sohn gab. Und uns sollte nicht jede Stunde, da wir Armen mit diesem Wunder uns beschäftigen, zur Kraft und Freude der Ewigkeit werden? Wenn ein geringes Sein den ewigen Gott ganz beansprucht, wie könnte dieses Erdenleben ausreichen, um ihm gerecht zu werden?
Nein, das ist ewiges, wirkliches, wahres Leben voll Gnade und Licht, voll Kraft und Reichtum, da die Seele nach dem fragt, der zuerst nach ihr fragte, und den sucht, der sie aus lauter Liebe gesucht und zu sich gezogen hat. Dann ist Zeit Vorwegnahme der Ewigkeit und diese ihre Erfüllung. Die Kleinlichkeiten und Ärmlichkeiten brauchen das Leben auf und geben ihm nichts, verdunkeln den Blick und verengen das Herz. Geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede, irdisch gesinnt sein ist der Tod (Römer 8, 6). Denn es ist die Freude an dem Vergänglichen ohne Ausblick auf das Bleibende und darum der Tod durch das Vergängliche.
Aber mit dem Heimweh, das stark macht, die Gewißheit der Heimat verbinden, das ist Leben der Ewigkeit, die nichts klein erscheinen läßt, was wir für ihn tun sollen, bis das Größte und das Kleinste sich in der Größe der Ewigkeit verklärt geeinigt haben.
Quelle:
Betrachtungen über das Hohepriesterliche Gebet, Johannes 17. Von Hermann Bezzel. Vierte Auflage. Neuendettelsau, Buchhandlung der Diakonissenanstalt, 1924. [Online bei Wikisource]
Weitere Betrachtungen über Johannes 17, 3 von S. Keller und Dora Rappard
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