Römer 1, 16 (Eichhorn)

Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben. (Römer 1, 16)

Das Christentum nicht Kopfsache, sondern eine Lebensmacht.

Im Religionsunterricht und auf der theologischen Hochschule merkt man leider meist nicht viel davon, daß das Evangelium eine Gotteskraft ist. Jahraus, jahrein werden die Köpfe mit Wissen gefüllt, die Herzen aber bleiben leer. Vielen jungen Seelen wird das Christentum durch diesen kopfmäßigen Betrieb verekelt. Der Wissensstoff bleibt ihnen innerlich fremd und geht darum schwer ins Gedächtnis hinein, er wird nur widerwillig eingeprägt. Man sollte den religiösen Lernstoff auf ein Mindestmaß beschränken. Wenn jemand zum geistlichen Leben erweckt wird, lernt er Lieder und Bibelsprüche mit Lust, weil Kopf und Herz nun einstimmig sind.

Einer, der viele Jahre ganz gottfremd war, keine Kirche besuchte, keine Bibel zur Hand nahm, wurde von der Gnade ergriffen. Er lernte nicht nur einzelne Sprüche, sondern ganze biblische Bücher auswendig und konnte, als er auf seinem letzten Krankenlager nicht mehr zu lesen imstande war, sich den ganzen Hebräerbrief vorsagen. –

Kein Wunder, wenn ein nur gelernter Glaube unter den Stürmen des Lebens wie Spreu verfliegt oder viele den Glauben an die Bibel sich schnell rauben lassen! Fehlt doch die eigentliche Glaubenserfahrung. Es sollten aber nur solche Gottes Wort in den Mund nehmen und lehren, die das Wort an ihrer eigenen Person zur Kraft werden ließen. Dann ist kein klaffender Riß zwischen Lehre und Leben. Die Hörer und Schüler haben ein deutliches Empfinden dafür, ob einer auch wirklich glaubt, was er lehrt, und es auslebt. Wenn das Christentum in der Person seines Verkündigers verkörpert ist und es sich nicht nur in Worten, sondern als Geist und Leben kundgibt, dann wird sein Leben wieder Leben wecken. Die Gottesworte in der Bibel sind nach Luther nicht „Leseworte“, sondern „Lebeworte“. – „Das Wissen bläht auf“, sagt der Apostel. Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren sehr wissensstolz und sahen auf das unwissende Volk mit Verachtung herab. „Das Volk, das vom Gesetz nichts weiß, ist verflucht.“ So gibt es auch unter uns Menschen, die sich auf ihre Bibelkenntnis etwas zugute tun. Sie haben viel religiösen Stoff in sich aufgespeichert, sich auch in die christlichen Wahrheiten bis zu einem gewissen Grad hineingedacht, ohne doch in die Geheimnisse Gottes einzudringen.

– Nicht das Wissen, sondern das Gewissen entscheidet, das Gewissen, an welches das Evangelium sich wendet, um von diesem Punkt aus das ganze Wesen zu erneuern. „Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in Kraft“. Das Christentum ist eine Lebensmacht. Es will nicht nur die Köpfe aufhellen, sondern eine Wiedergeburt des ganzen Menschen bewirken nach Verstand, Willen und Gefühl. Das Evangelium ist eine Kraft, die neue Menschen schafft, deren Denken, Wollen und Fühlen ganz anders geartet ist denn zuvor. Wer sich mit dem Hören, Lesen und Wissen begnügt, befindet sich in einem gefährlichen Selbstbetrug.

(Dr. Carl Eichhorn)

Quellenangaben:

Andacht zum 23. Januar, in: Eichhorn, Carl, Das Werk Gottes an der Seele. Brunnen-Verlag, 1924 und 1928.

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Eingestellt am 8. März 2026