Gott, du bist mein Gott; frühe wache ich zu dir. Es dürstet meine Seele nach dir; mein Fleisch verlangt nach dir in einem trockenen und dürren Land, wo kein Wasser ist. (Psalm 63, 2)
Wer in den Vorhöfen des Herrn gewesen ist, seine Nähe gekostet und aus seiner Fülle getrunken hat, der fühlt diesen Durst unaufhörlich, dem ist es außer Ihm überall zu trocken und zu dürre. Wer das Heiligtum des Herrn, das er sich in gläubigen Seelen erbauet, geschaut, und seine Macht und Ehre, die er da offenbaret und mitteilet Jedem, der sich ihm da nahet, der liegt immer vor der Türe desselben, um, so bald es ihm geöffnet wird, einzugehen und die Macht und Ehre des Herrn in seinem Heiligtume zu schauen.
Sieht es nicht herrlich aus in diesem Heiligtume? Sieht es nicht erbärmlich aus außer diesem Heiligtume? Da, in den Vorhöfen, im Heiligtume des Herrn, fühlt man sich daheim; außer ihm wie in der Wüste, wie in der Fremde. Mit heißer Sehnsucht sucht man es und fühlt sich selig, so oft man es findet. Warum sind Viele so trocken, kalt und leer? Weil sie nicht suchen das Heiligtum des Herrn, weil sie sich nicht sehnen nach seinen Vorhöfen, weil sie nicht liegen vor seiner Türe, nicht warten, nicht harren seiner Gnade; darum wird ihnen nicht aufgetan, darum kommen sie nicht hinein, und schauen nicht seine Macht und Ehre.
O kommet doch und verweilet nicht länger im Lande, da kein Wasser ist!
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Dies ist eine Beschreibung eines herzlichen Verlangens nach Gott und Seinem Troste, und ist solches Verlangen nichts anders, denn der wahrhaftige Glaube, Hoffnung und herzliche brünstige Liebe zu Gott. Denn daß er spricht: Gott! Du bist mein Gott! – das sind Worte des Glaubens. Also redet der Glaube mit Gott ohne Unterlaß, wenn man Gott recht erkennt aus Seinem Wort; und ist es nun unmöglich, daß der Glaube nicht sollte ohne Unterlaß zu Gott rufen, wie wir alle im Werke erfahren. Wenn wir ein wenig allein sind, und nicht von der Welt verhindert werden, so sprechen wir: Ach mein lieber Gott! – Und wenn dasselbe von Herzen geht, so redet der Glaube mit Gott, und macht ihm Gott zu eigen mit aller Seiner Gnade; denn indem er spricht: Mein Gott! sagt der Glaube so viel: Deine Gnade, o Gott! ist mein, Deine Barmherzigkeit, Deine Liebe und Treue, und alles, was Du bist, ist mein. Ach das ist ein großer Trost, und ist besser, als wenn man tausend Welten hätte! Gleichwie ein Magnet alle seine Kraft verloren hat, wenn er sich nicht bald im Punkte nach Mitternacht wendet, also hat der Glaube seine Kraft verloren und ist tot, wenn er sich nicht ohne Unterlaß zu Gott wendet und spricht: Ach, mein lieber Gott!
Quelle: Glaubensstimme – Andachten zu Psalm 63, 2
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Mit was gehst du hauptsächlich in Gedanken um? Mit den Sorgen der Nahrung, mit der Eitelkeit des Lebens, mit dem Reichwerden oder mit dir selbst, wie du angesehen, tugendhaft oder gar fromm bist? was beschäftigt dich? womit stehst du auf? womit gehst du zu Bett? Nun, du wirst wohl Morgen- und Abendsegen lesen und könntest sagen: ich denke an Gott, aber was fällt dir unter dem Gebet ein? was denkst du nachher? was vorher? wie verrichtest du deinen äußeren Beruf? ist deine ganze Seele dabei, oder hast du vielleicht auch noch ein Plätzchen für Gott? Was ist der tiefste, der innerste, der immer wiederkehrende Gedanke der Seele? Ach glaube doch Keines, es liebe Gott, wenn es nicht immer in Gedanken mit ihm umgeht, mit ihm arbeitet, mit ihm ißt.
Denn wie ein Mensch in der Fremde sehnsüchtig an die Heimat denkt, so sollen wir in Gedanken mit unserem Schöpfer, Erlöser und Tröster umgehen. „Allenthalben geht der Sinn der Gläubigen auf Jesum hin“. Und je mehr eine Seele durch das beständige Seufzen des tiefsten Seelengrundes zu Gott dann aus Seiner Fülle nimmt, desto größer wird das Verlangen nach ihm, desto mehr hungert und dürstet sie nach ihm. O das ist ein Durst nach Gott, den kein zeitliches Gut ausfüllen kann; man biete einem Christen an, was man will, er will eben Gott, er will eben seinen Jesum, er ist so gewöhnt an ihn, daß er keine Stunde seiner Nähe, seines Umgangs entbehren kann. Und es ist eine große Seligkeit, wo nur einmal ein solches brünstiges Verlangen nach Gott in einer Seele angefacht ist. Man läßt die Menschen neben sich und um sich herum verlangen nach was sie wollen; eine Seele, die Jesum erkannt hat, die Gott erkannt hat, sagt: ich für meinen Teil muß Gott haben, meinen Jesum laß ich nicht, er ist meines Lebens Licht, ich will mich an ihn hängen, bis ich ihn ganz habe, bis er sich mir ganz zu genießen gibt, bis er mich ganz sättigt.
Ist das bei dir, lieber Mensch, oder erfüllt noch ein anderes Verlangen dein Herz, als das Verlangen nach dem lebendigen Gott?
Jehovah! Wann wirst du
Und nicht ich in mir leben?
Nimm hin! ich bin vor dir,
Ich will mich dir ergeben.
Wann wird die Eigenheit
Einst ganz ertötet sein?
Wann wird die Liebe sein
In deiner Liebe rein!
Ach ja, mein Gott, in dir
Verlieren alles Eigen!
Laß, was du selbst nicht bist,
In mir vergehn und schweigen!
Ach, Alles ist gar nichts,
Du bist es ganz allein!
Wann wirst du auch in mir
Auf ewig Alles sein?
O daß ich möchte gar
Aus meinem Aug‘ verschwinden,
Und dich allein in mir,
Du höchstes Wesen, finden!
Ich hab schon allzuviel
Durch Sünd‘ entehret dich;
Verklär‘ dich wiederum
In mir nun ewiglich!
Quelle:
Andacht zum 28. April, in: Ludwig Hofacker † Pfarrer in Rielingshausen: Erbauungs- und Gebetbuch für alle Tage, nebst einem Anhang von besonderen Gebeten – Aus den hinterlassenen Handschriften und aus den Predigten des sel. Verfassers. Herausgegeben von G. Klett, Pfarrer in Barmen. Dritter Abdruck, Stuttgart 1879. Druck und Verlag von J. F. Steinkopf. [Digitalisat bei Google Buchsuche und externer Download bei Deutsche Digitale Bibliothek], S. 185-187.
Diese Schriftstelle ist der Tagesvers zum 9. Januar 2026
