Psalm 33, 13-15 (Hofacker)

Der HERR schaut vom Himmel und siehet aller Menschen Kinder. Von seinem festen Thron siehet er auf alle, die auf Erden wohnen. Er lenket ihnen allen das Herz und merket auf alle ihre Werke. (Psalm 33, 13-15)

Wie macht es denn der treue Heiland, was thut er, um einen todten Sünder verlegen zu machen über sich selber? Er thut es durch seinen heiligen Geist: aber wie und wo und wann er es thue, darin ist keine Regel; der gute Hirte ersieht eben die Stunde, wo er dem armen verirrten Schaf am geeignetsten beikommen kann. Es gibt Seelen, die in einer langen Bearbeitung des Heilandes stehen, bevor er es bei ihnen zu etwas Entscheidendem bringen kann. Sie werden Jahre lang von einer gewissen innern Unruhe geplagt; sie können nicht so ruhig sündigen wie die Andern; sie können sich dem Rausch der Lust nicht so vergnügt überlassen wie die Andern; sie bekommen in ihrem Inwendigen zuweilen Vorwürfe, Angst und Beklemmung, und dieß sind lauter Anmeldungen Dessen, der vor der Tür steht und begehrt eingelassen zu werden.

Bei Andern ist es ganz anders. Sie können ruhig sündigen; sie sind in ihrem irdischen Sinn, in ihren Sündenwegen, in der Eitelkeit ihres Herzens so ruhig, wie wenn das so sein müßte; sie treiben und wirbeln sich in den Gedanken ihres Herzens rastlos fort; da ist kein Aufhalten, kein Stillstand, kein Aufmerken, keine Nüchternheit. Da geht es von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht, vom Sommer in den Winter, und vom Winter in den Sommer unaufhaltsam fort. Man säet jetzt, heißt es, wenn ein solcher Mensch ein Bauer oder Weingärtner ist, und dann ist er mit seinem ganzen Gemüth im Säen begriffen; man erntet jetzt, man herbstet jetzt, man drischt jetzt, man versieht sich jetzt auf den Winter, und er ist mit seiner ganzen Seele in diesen Geschäften; dazwischen hinein kommen viele Sünden, man lügt, man afterredet, man beneidet seinen Nächsten, man sucht seinen Vortheil auf unrechte Art, man lebt in Zwietracht mit seinem Nachbar, mit seinem Weib, man überläßt sich seinen fleischlichen Trieben, man frißt und sauft u.s.w.; es geht in Einem fort, das Leben ist wie eine Schnur, die von einem Haspel abgehaspelt wird; es kommt kein Knoten an dieser Schnur; es gibt keinen Stillstand, kein Aufmerken auf die Ewigkeit, kein Trachten nach dem Reich Gottes.

Da liegt etwa in einem solchen Menschen von der Jugend her ein Sämlein der göttlichen Wahrheit; aber es kann sich nicht regen, es kann nicht gedeihen, der Schutt der Sünde und der Welt ist über dasselbige hergefallen, es kann nicht wachsen, es ist nahe am Ersticken. Treue Lehrer oder Eltern und Erzieher haben diesen lebendigen Samen der Wahrheit in das Herz gelegt; es hat einmal ein schönes Sprüchlein, oder ein Gesang, oder eine Erzählung vom Heiland, oder eine Beschreibung der himmlischen Seligkeit, oder eine Schilderung des Elends der Verdammten einen Eindruck auf das Herz des Kindes gemacht, und dieser Same hat angefangen, Früchte zu zeigen: aber siehe, da kamen die Triebe und Lüste und Sünden der Jugend, da kam der rastlose irdische Umtrieb, das Traumleben, das Schattenleben, das Gewühl in dem Nichtigen, die Grundsätze, die angenommenen Gewohnheiten, die eingesogenen Vorurteile des Weltgeistes, der Weltart, und das göttliche Saatkorn wurde bedeckt mit diesem Schutt der Eitelkeit und Sünde.

Ach, wie viel und große Gnaden
Hast du mir schon zugedacht!
Doch mir selbst zu Schand‘ und Schaden
Nehm‘ ich sie nicht treu in Acht.
Deine Wahrheit halt ich auf,
Laß der Sünde ihren Lauf;
Ich erweck‘ nicht meine Gaben
Und hab‘ oft mein Pfund vergraben.

(Ludwig Hofacker)

Quelle:

Andacht zum 24. Februar, in: Ludwig Hofacker, Erbauungs- und Gebetsbuch für alle Tage, nebst einem Anhang von besonderen Gebeten. Aus den hinterlassenen Handschriften und aus den Predigten des seligen Verfassers. Herausgegeben von G. Klett, Pfarrer in Barmen. Dritter Abdruck. Druck und Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart 1879. [S. 83-85; Digitalisat]

Liedvers aus Lied Nr. 1601, in: Evangelischer Liederschatz für Kirche und Haus. Eine Sammlung geistlicher Lieder aus allen christlichen Jahrhunderten, gesammelt und nach den Bedürfnissen unserer Zeit bearbeitet von M. Albert Knapp, weil. Stadtpfarrer zu St. Leonhard in Stuttgart. Dritte, vermehrte und verbesserte Auflage. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung, 1865. [Digitalisat]


Eingestellt am 15. Dezember 2025