Dieses geschichtlich hochwichtige Gesangb., welches die Liederfülle des Pietismus wie kein anderes vor uns ausbreitet, erschien zuerst unter dem Titel Geist=reiches Gesang=Buch, Den Kern Alter und Neuer Lieder, Wie auch die Noten der unbekannten Melodeyen Und dazu ge hörige nützliche Register in sich haltend etc., herausgegeben von Johann Anastasio Freylinghausen, Past. Adj. Halle, Gedruckt und verlegt im Wäysenhause, 1704.
Die Vorrede ist unterschrieben: „Gegeben Glaucha an Hall, den 22. Sept. 1703“. Diese 758 Lieder enthaltende Sammlung machte wegen ihres ganz ungewöhnlichen Characters viel von sich reden. Die überreichliche Aufnahme der neuen pietistischen Gesänge, manche an den alten Kernliedern vorgenommene Veränderungen, das gänzliche Fehlen vieler der gebräuchlichsten unter denselben ─ das alles erregte großes Aufsehen. Freylinghausen ließ daher 1714 eine zweite Sammlung „Neues Geist=reiches Gesang=Buch, auserlesene, so Alte als Neue geistliche und liebliche Lieder etc. mit 815 Gesängen folgen, in welcher die hauptsächlichsten der vermißten Lieder nachgeholt, aber auch viel neue Erzeugnisse des dem Herausgeber befreundeten Dichterkreises hinzu gebracht wurden. Die Vorrede dieses sogen. zweiten Theils ist datirt „Glaucha an Halle , den28. Sept. 1713“. Die beiden Theilen beigegebenen neuen Melodien zeigen den Motetten- und Arienstyl und bewegen sich zum Theil in dem damals so beliebten Dreitact. Sie werden dem Namen der „Hallischen Melodien“ zusammengefaßt, obwohl ihrer viele nicht aus Halle stammen. Musikalischer Schwung und Wärme der Empfindung ist einem großen Theil nicht abzusprechen, doch entbehren sie des kirchlichen Characters. Ursprünglich waren weder die Lieder noch die Melodien für den öffentlichen Kirchengebrauch bestimmt. Sie wurden ausschließlich bei den Andachten des Waisenhauses und sonstigen Privatzusammenkünften gesungen, fanden aber von dort schnell ihren Weg in die kirchlichen Gesangbücher und Gemeinden. Bekanntlich hat die theologische Facultät zu Wittenberg in ihrem auf Ansuchen der Waldeckschen Regierung abgegebenen Gutachten, Frankfurt und Leipzig 1716, ein sehr ungünstiges Urtheil über das Gesangbuch gefällt. Vgl. Curtze, Gesch. der Waldeckschen Gesangbücher, Arolsen 1853, S. 91.
Im Jahre 1718 gab Freylinghausen einen Auszug aus beiden Theilen mit 1056 Liedern, zunächst zum Gebrauch der Kirche in Glaucha heraus; 1741 erschienen beide Theile vollständig in einem Bande, besorgt von Prof. Dr. Gotthilf August Francke.
Quelle: Kirchenlieder-Lexicon, S. XIX