§. 6.
Ausleger.
Ein umfangreiches Verzeichniß der Ausleger des Briefes nach dem Reformationszeitalter findet sich in Ge. Walch’s bibliotheca theol. T. IV. 1) und der Ausleger aller Zeiten bei Reiche, Erklär. des Römerbr. I. §. 9; auch dieses ließe sich noch vervollständigen, wir ziehen es indessen vor, nur einen beurtheilenden Ueberblick über die wichtigeren Kommentatoren der verschiedenen Perioden zu geben. Die Vorzüge, nach denen der Werth der Ausleger zu bestimmen, bestehen entweder in Förderung des sprachlich=historischen Verständnisses, oder in dem tieferen Eindringen in die Gedanken des Autors, welchem Lekteren, wenn es nicht abirren soll, das Erstere vorausgehen muß. Es kommt also theils auf das Maaß der formellen sprachlich=historischen Gelehrsamkeit an, theils auf Originalität der Auffasssung, die sich entweder mehr als Scharfsinn in Entwickelung und genauer Begränzung der Gedanken zeigt, oder mehr als Tiefsinn in deren Durchdringung und Zusammenfassung zu erkennen giebt.
1) J. G. Walch (Georgii Walchii), bibliotheca theologica selecta, T. IV. (Jena 1765) [Digitalisat]
1) Die Kirchenväter und Catenen.
Der vornehmste Mangel dieser ältesten Periode der Exegese ist bekanntlich der einer sichern und gelehrten Grundlage der sprachlich=historischen Erklärung. Das meiste Verdienst um die Auslegung der paulinischen Briefe und des Römerbriefs insbesondere dürfte in dieser Periode den Homilien des Chrysostomus zukommen (st. 407.); von ihm homiliae XXXII. in ep. ad Rom. ed. Montfaucon T. IX. Durch die Innigkeit, mit welcher er sich an den Autor, den er erklärt, hingegeben hat, ist es ihm auch ohne Bewußtseyn über die Anforderungen einer sprachlich=historischen Auslegung gelungen, nicht nur den Geist des Apostels im Ganzen tief und wahr zu erfassen, auch das Einzelne hat er, wenn gleich zuweilen mehr vom Standpunkt des Homileten, als
Tholuck , Komment . z . Röm. Br.
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des Interpreten aus – fruchtbar und sinnig erklärt, und die historischen Situationen vielfach richtig begriffen. Seine Lektüre ist noch jetzt für Prediger überaus lehrreich. – Neben ihm nimmt den nächsten Rang ein Theodoret (st . 457.), und die Catenen von Theophylakt (im 11ten Jahrh.) und Dekumenius (im 10ten Jahrh.), nebst den griech . Scholien aus codd. Mosquens. von Matthäi herausgegeben in seiner größeren
Ausgabe des N. T. Riga 1782. Die Scholien des Theodoret (im 3. Bande der Hallischen Ausgabe) gehen zwar nicht tief auf den Geist und dogmatischen Gehalt des Briefes ein, lassen viele Schwierigkeiten unberührt, leiden hie und da an Willkürlichkeiten, bewähren aber im Ganzen einen richtigen hermeneutischen Takt. Vorzüglich schätzbar ist Dekumenius durch Mittheilung der zuweilen geistvollen und originellen Erklärungen des Photius und Severus *) – Auch Origenes (st. 253.) verdient als Ausleger des Briefs an die Römer Beachtung. Sein Comment. in ep. ad Rom. ed. de la Rue T. IV. ist nur noch in der lateinischen Uebersetzung des Rufin vorhanden; in der unter dem Namen Philocalia bekannten exegetischen Sammlung findet sich der griech. Text zu mehreren Stellen, welcher zeigt, wie willkürlich der Uebersetzer mit seinem Autor umgegangen, daß er sehr vieles hinweggelassen, Anderes erweitert und hie und da verändert. Zwar erklärt der Kirchenvater seinen eigenthümlichen dogmatischen und hermeneutischen Grundsätzen gemäß , und verfährt daher oft ge=
*) Die Autorschaft des Dekumenius , welche mehrfach in Zweifel gezogen worden, läßt sich rechtfertigen , s. meinen Komm. zum Br. an die Hebr. S. 100. Der Severus , aus dem er öfters Auszüge giebt , ist der Antiochener , der im 6ten Jahrh. lebte , und viele exegetische Schriften verfaßt hat. In mehreren Catenen , auch von Matthai Schol. cod. Q. , wird derselbe mit Severianus, dem Gegner des Chrysost. am Ende des 4. Jahrh . verwechselt, dessen Homilien jedoch nicht wohl als die Quelle der in den verschiedenen Scholiensammlungen erhaltenen Fragmente angesehen werden können . Die Schriften beider finden sich am vollständigsten verzeichnet in Fabricius biblioth, graec. T. IX . S. 267 und 344. Von dem Kommentar des Euthymius Zigabenus zu den paulin. Briefen findet sich ein vollständiges Exemplar in der Vaticana in Rom , aus welchem ich für einige wichtige Stellen Excerpte gemacht habe.
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waltsam , auch mißversteht er manche Hauptlehre des Briefes; dennoch blickt selbst durch die entstellende lat. Uebersetzung sein großer Geist hindurch, und auch wo man ihm nicht beistimmen kann, liest man ihn mit Interesse. – Aus der lateinischen Kirche besitzen wir von Augustin (st. 430.) eine Inchoata expositio epistolae ad Rom., welche er noch als Presbyter zu schreiben begann; sie erstreckt sich nur auf die ersten 4 Verse und enthält viele Abschweifungen. Später verfaßte er eine Erläuterung einzelner schwieriger Stellen: expositio quarundam propositionum ex epistola ad Rom., welche viele scharfsinnige Bemerkungen enthält. Beide Arbeiten finden sich im 3ten Bande der Benediktiner-Ausgabe; außerdem hat er auch in seinen Briefen mehrere Stellen des Römerbriefes lehrreich behandelt. –
Ausführliche Kommentare sind erhalten von Pelagius (st . nach 417.) und Hilarius (st. 368.). Die Erklärung des Pelagius findet sich , da sie dem Hieronymus zugeschrieben worden , unter den Werken dieses Kirchenvaters , in dessen Werken ed. Vallarsi T. XI. Cassiodorus überarbeitete und verstümmelte dieses Werk, daher es eine sehr aphoristische Gestalt hat, aus welcher man aber auch noch jetzt die dogmatischen Ansichten des Verf. erkennt, welche nicht bloß in derjenigen Irrlehre, die von ihm den Namen führt, sondern auch in anderen Stücken mit den späteren Lehren des Socinianismus und Rationalismus Verwandtschaft zeigen. Unter dem Namen des Hilarius sind die Commentarii in XIII. epistolas Pauli anzuführen, welche dem Ambrosius, ed. Bened. T. II. angehängt sind. Nach einem Citate des Augustinus contra duas epistolas Pelagii IV. 7. ist ein Hilarius Verfasser derselben, und man vermuthet, daß es derjenige sei, der um die Mitte des 4ten Jahrh. Diakonus der römischen Kirche war.
Zwar läßt sich hiegegen Manches anführen, indeß hat auch Dr. Baur kein ganz bestimmtes Urtheil über den Verf. zu fällen vermocht (in der Abh. über den Römerbr. in der Tübinger Zeitschr. 1836. H. 2., S. 146.). Der Urheber dieses Werkes wird dadurch interessant , daß er vielfach in der Auslegung seinen eigenen Weg geht, doch bekommt man den Eindruck, daß er entweder sehr flüchtig verfahren ist, oder aus verschiedenen andern Werken kompilirt hat; seine Auslegung er=
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mangelt öfters der Klarheit und leidet auch an Widersprüchen. Da sich der Kommentar unter den Schriften des Ambrosius befindet, ohne doch demselben anzugehören, so pflegt man ihn unter dem Namen Ambrosiaster anzuführen.
[….]
Quelle:
Tholuck, Dr. August: Kommentar zum Briefe Pauli an die Römer.
Neue Ausarbeitung, Bei Eduard Anton, Halle 1842. [S. 33-36; Digitalisat]
Weblinks und Verweise
Johann Georg Walch: Bibliotheca theologica selecta litterariis adnotationibus instructa. 4 Bände, Croecker, Ienae 1757–1765 (s. Bibliographien in Wikisource)
- T. 1: 1757 GDZ Göttingen, Google
- T. 2: 1758 GDZ Göttingen, Google
- T. 3: 1762 GDZ Göttingen, Google
- T. 4: 1765 GDZ Göttingen, Google