Es kann an dieser Stelle nur ein Ueberblick über den Gang, den die Entwickelung der Eschatologie in der Geschichte der Kirche genommen hat, gegeben werden. Einzelne geschichtliche Data werden weiterhin bei der Behandlung der einzelnen Lehren nach Bedürfniß mitzutheilen sein.
Es liegt in der Natur der Sache, daß die Christenheit nie und zu keiner Zeit die großen Weissagungen vergessen hat, welche ihr wegen ihrer und ihrer Glieder Zukunft gegeben sind. Wie der einzelne Christ nicht umhin kann, seines Endes zu gedenken und wegen desselben sich aus Gottes Wort zu trösten und zu berichten, so auch die Kirche. Es ist daher wohl vorgekommen, daß die Kirche zu solchen Zeiten, in denen sie entweder zu sehr in die Sorgen oder Wohllust dieses Lebens verstrickt oder mit ihrem Denken und Streben nach anderen Seiten hingezogen war, sich weniger den Gedanken an das Jenseitige und Zukünftige hingegeben hat. Es ist auch vorgekommen, daß die Gedanken der Kirche zu einer Zeit mehr bei diesem und zu einer anderen Zeit mehr bei jenem unter den letzten Dingen verweilt haben, daß man z. B. zu einer Zeit mehr der Parusie, zu einer anderen mehr dem Zwischenzustande, zu einer anderen mehr der Auferstehung nachgedacht hat, je nachdem Dieses oder Jenes näher oder ferner mit dem zusammenhing, was derzeit die Gedanken und Strebungen der Kirche vorzugsweise beschäftigte. Es ist sogar geschehen, daß man in Zeiten, da die Kirche schwach ward und überhaupt vom Worte Gottes wich, auch hinsichtlich dessen was jenseits dieser Welt und Zeit liegt mehr den eignen Gedanken als dem Worte der Weissagung folgte. Aber wie die Christenhoffnung zu keiner Zeit erstorben ist, so hat auch die Lehrentwickelung in der Kirche niemal an den Dingen des Endes ganz vorüber gehen können. Vielmehr hat stets die jeweilige Auffassung des Heils sich auch in der Weise reflectirt, wie man sich die endlichen Ausgänge dachte, und keine der im Laufe der Geschichte entstandenen Kirchengemeinschaften hat es versäumen können oder versäumt, sich in ihren Bekenntnissen auch darüber auszusprechen, wie sie nach Gottes Wort über die letzten Dinge denke. Auf der anderen Seite hat es aber auch nie in der Geschichte der Kirche eine Zeit gegeben, in welcher die Eschatologie den Mittelpunkt des christlichen Denkens gebildet, in welcher die Lehrentwickelung sich auf die Eschatologie concentrirt hätte. Die Theologie, die Christologie, die Anthropologie, die Soteriologie, alle diese andern Dogmenkreise haben ihre Zeit gehabt, in denen sie ausschließlich den Mittelpunkt der dogmengeschichtlichen Bewegung so bildeten, daß alle andern Heilsobjecte von ihnen aus angesehen wurden und alle andern Heilslehren sich um sie herumlegten; nur die Eschatologie hat nie eine solche Zeit ihrer eignen Gesammtentwickelung gehabt. Vielmehr sind die eschatologischen That achen und Lehren immer nur von den anderen Dogmen aus in Betracht gezogen worden; man hat in den Zeiten, da die christologischen, anthropologischen, soteriologischen Dogmen sich entwickelten, die Consequenzen gesucht und festgestellt, die sich aus diesen für die letzten Dinge oder rückwärts aus letzteren für jene ergaben; man hat z. B. festgestellt, wie nach Gottes Wort das Heil Christi angeeignet werden müsse, und dann zugesehen, was daraus für den Zustand des Menschen nach dem Tode folge; oder man hat angesehen, was über das Weltgericht, über die Aufrichtung des regnum gloriae geweissagt ist, um daraus zu ergänzen, was man von Person und Werk Christi lehrte. Und davon ist denn auch die Folge gewesen, daß es niemals zu einer Gesammtdarstellung der Eschatologie gekommen ist, zu einem Lehrbau, der alle einzelnen einschlagenden Thatsachen der Weissagung gleichmäßig und allseitig zu behandeln, ihren gegenseitigen Zusammenhang zu begreifen und so das Einzelne zu einem vollständigen Lehrbilde von den letzten Dingen zusammenzufassen suchte. Man hat sich vielmehr begnügt, die einzelnen Thatsachen des Endes den Zwischen zustand die Parusie die Auferstehung das Weltgericht einzeln für sich anzusehen, je nachdem man von diesem oder jenem anderweiten Fragepunkte aus auf diesen oder jenen Gegenstand geführt ward. Daher auch die Erscheinung, daß es in der kirchlichen Literatur zu jeder Zeit und von der frühesten an Monographieen über die Auferstehung von den Todten, über die Wiederkunft des Herrn, über den Antichrist, über das Reich der Herr=
Soteriologie (von altgriechisch σωτήρ sōtḗr, deutsch ‚Retter‘, ‚Erhalter‘ und λόγος lógos, deutsch ‚Rede‘ oder ‚Erörterung‘) bezeichnet die Lehre von der Erlösung aller Menschen im christlichen Kontext. (n. Wikipedia)
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lichkeit, über den Zwischenzustand, kurz über alle einzelnen Capitel der Eschatologie, aber bis in die neueste Beit hinein kaum eine das Ganze der Eschatologie umfassende Schrift gegeben hat. Selbst unsere Zeit, die oft weniger aus christlichem Bedürfnisse, aus eigenem Interesse an den Dingen, als aus theoretischem Triebe nach wissenschaftlicher Vollständigkeit arbeitet, hat kaum Etwas hervorgebracht, was man eine zusammenfassende Darstellung der Eschatologie nennen könnte. Auch in unsern Dogmatiken erscheint die Eschatologie nach Inhalt und Umfang nicht als ein gleichmäßig durchgearbeiteter Haupttheil, sondern als ein fragmentarischer, vernachlässigter Anhang, und wesentlich zu ihr gehörende Fragen werden nicht in ihr, sondern nebenbei unter anderen locis des Systems besprochen. _Von welchem Allen dann die weitere Folge ist, daß es wohl eine Geschichte der Lehre von der Auferstehung, der Lehre vom Weltgericht, u. s. w., aber streng genommen nicht eine Geschichte der Eschatologie geben kann.
Versuchen wir nun nach diesen Vorbemerkungen, die Hauptgesichtspunkte anzugeben, von denen aus die Kirche in ihren verschiedenen Zeiten und Gebieten die letzten Dinge angesehen hat, so können wir da drei Zeiträume unterscheiden: vom Anfange christlicher Zeitrechnung bis zum Anfange des fünften Jahrhunderts, von da bis zur Reformation, und von ihr bis zur Gegenwart.
Gegenüber der abtrünnig gewordenen Judenschaft, die nach Verwerfung des Messias vergebens auf den Trost Israels wartete, so wie gegenüber den Heiden, die keine Hoffnung haben, ist die Gemeinde Jesu schon in jenen ihren ersten Jahrhunderten aller einzelnen Stücke ihrer Verheißung und Hoffnung sich bewußt geworden. Daß der leibliche Tod noch nicht der zweite Tod ist, daß die Seelen der Abgeschiedenen fortleben, des Herrn Wiederkunft sammt ihren Vorzeichen die Auferstehung des Fleisches, Weltgericht und Weltende, Verdammniß der Gottlosen, das Reich der Herrlichkeit, alle diese geweissagten Thatsachen des Jenseits und der Zukunft werden da schon bei den apostolischen Vätern und weiterhin aus den Vaticinien der Schrift erkannt, geglaubt, gehofft und bekannt. Es kommt noch nicht zu einer lehrbegrifflichen Auffassung und Fassung derselben; sehr mannigfaltige und zum Theil unter sich unverträgliche Vorstellungen über jede einzelne dieser einstigen Thatsachen und ihren Zusammenhang untereinander gehen bei verschiedenen rechtgläubigen Kirchenlehrern, ja bei einem und demselben Kirchenlehrer, je nach den unterschiedlichen Stadien seiner persönlichen Entwickelung, neben einander her; es läßt sich z. B. von keiner der damals hervorgetretenen Ansichten über den Aufenthaltsort der im Herrn Entschlafenen bis zur Auferstehung sagen, daß sie weit genug verbreitet gewesen wäre, um als die herrschende zu gelten. Wohl aber gelingt es schon in diesem ersten Zeitraum dem christlichen Denken, von jedem einzelnen der letzten Dinge seinen substantiellen Inhalt, seine wesentliche Bedeutung zu erfassen und festzustellen. Nicht blos gegen Epicuräer, sondern auch gegen Thnetopsychiten 1) und Psychopannychiten 2) hält man das bewußte Fortleben der abgeschiedenen Seelen fest, man betonte die Auferstehung des Fleisches, dieses Leibes gegen Hellenen, Gnostiker und Manichäer; man setzte der origenistischen Apokatastasis das Schriftwort von der Ewigkeit der Höllenstrafen entgegen, man bewahrte nicht bloß gegen die Hoffnungslosigkeit heidnischer Weltanschauung, sondern auch gegen die trostlosen alexandrinischen Vorstellungen von immer neuen Entwickelungen ohne Ende die Weissagung, daß die Weltentwickelung schließlich in ein Reich des Antichrist verlaufen werde, damit darnach durch des Herrn persönliche richterliche Dazwischenkunft seine in dieser Zeit streitende Kirche sich zum ewigen und seligen Reich der Herrlichkeit vollende. Und das Resultat davon ist gewesen, daß der Glaube an alle diese einzelnen großen Thatsachen der Zukunft: Parusie, Weltgericht, Auferstehung, ewiges Leben seinen Ausdruck bereits in den gemeinen Bekenntnissen, ja in den Taufformeln dieser ersten Jahrhunderte gefunden hat. Wovon die weitere Folge gewesen ist, daß die ganze spätere christliche Kirche in allen den verschiedenen Gemeinschaften, in welche sie auseinandergegangen ist, daß Griechen und Römer, Lutheraner und Reformirte das Bekenntniß zu diesen Haupt- und Grundthatsachen des Endes und damit den wesentlichen Inhalt der Christenhoffnung und der Lehre von ihr mit den öcumenischen Bekenntnissen herübergenommen und bewahrt haben.
1) ‚Freunde des Seelentodes‘ 2) Lehre von der ‚ewigen Nacht der Seele‘ (Heidenreich, S. 41)
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__Es gewann sogar gerade in den allerersten Zeiten der Kirche den Anschein, als ob gerade die Eschatologie sich zunächst zum Mittelpunkt der christlichen Lehrentwickelung setzen werde. Es ist ein auch sonst bemerkbares culturgeschichtliches Gesetz, daß eine Entwickelung gerade in ihren Anfängen ihr schließliches Ziel schärfer ins Auge faßt, als später in ihrem weiteren, ruhigeren Verlaufe. Diesem Gesetze folgend haben sich gerade in den ersten zwei Jahrhunderten die Gedanken der Christenheit mehr als sonst auf die Dinge des Endes gerichtet. Es wirkte dazu Manches zusammen. Vor Allem, daß man sich den Weg der Entwickelung, den das Reich Gottes in der Form der Kirche Christi durchzumachen haben werde, damals viel kürzer dachte als später, da man inmitten der Entwickelung stand und fühlte, wie tief und weit der Gang derselben griff, daß man sich’s im Wesentlichen so dachte, als ob die Predigt des Evangelium alsbald in schnellem Fluge über die Erde ziehen und den Saamen aussäen und dann der Herr erscheinen werde, um die Ernte einzuheimsen. Sodann die heimathlose bedrückte Stellung, welche die Christenheit in der unter dem römischen Imperatorenthum zusammengefaßten Welt einnahm, eine Stellung, die ja allerdings in Vielem der Lage glich, in welcher sich laut der Weissagung die Christengemeinde der letzten Tage befinden wird. Auch der Fall Jerusalems und mit ihm des Judenthums, dem der Fall des Heidenthums und seiner Weltmacht in Bälde folgen zu müssen schien. Und über dem Allen das Wort der Weissagung, namentlich in den damals noch besser als später verstandenen Apokalypsen alten und neuen Testaments, welches ja direct auf die bestehende römische Weltmonarchie hinwies, als auf die letzte Phase der Weltmacht, die nach Vollendung ihrer Wandelungen das Reich des Antichrist aus sich hervorsetzen, an dessen Stelle der wiedererscheinende Herr sein Reich der Herrlichkeit aufrichten werde. Von diesen Prämissen aus schaute sich die Kirche der ersten zwei Jahrhunderte nicht sowohl wie die spätere Kirche an als die Heilsanstalt, die in einem Entwickelungsgange von unabsehlich langer Dauer die Welt durch das Wort Gottes zum Heil zu rufen und im Heil zu erziehen hat, sondern sie erschien sich mehr als das von senfkornartigem Anfange aus in einigen raschen Stößen und Wehen und durch Hülfe des zur Stunde der äußersten Noth wiedererscheinenden Herrn zum weltüberschattenden Baume aufwachsende Reich der Herrlichkeit, So geschah es von selbst, daß nicht allein alle sonstige Gedanken über die fernere und letzte Zukunft ihren Mittelpunkt in diesem Begriffe des durch die Parusie des Herrn aufzurichtenden Herrlichkeitsreichs fanden, sondern daß auch Alles, was man in der Gegenwart und für die Gegenwart dachte und that, auf dies so gedachte Ende der Vollendung bezogen ward, und das Resultat war, daß allerdings in das Centrum der christlichen Gedankenbewegung eine Eschatologie trat, die alle ihre einzelnen Momente: Tod und Fortdauer, Parusie, Auferstehung, Weltgericht auf diesen Begriff des regnum gloriae bezog. Es kam sogar so weit, daß sich bereits die beiden entgegengesetzten Richtungen hervorbildeten, die immer da vorhanden sein müssen, wo es durch Satz und Gegensatz zu einer dogmengeschichtlichen Bewegung und Bildung kommen soll. Dieselben entgegengesezten Richtungen, die immer hervorgetreten sind, wenn es einmal in der Kirche zu einem tieferen Nachdenken über die Ausgänge der Menschengeschichte kam, erscheinen schon in den ersten zwei Jahrhunderten, und zwar in einer Ausbildung, wie später nicht wieder. Der Richtung des Chiliasmus, welche das ihren mannigfaltigen Nüancen Gemeinsame darin hat, daß sie die Entwickelung der gegenwärtigen Kirche Christi ausgehen läßt in ein zwar durch das persönliche Eingreifen des wiedererscheinenden Herrn, aber doch noch auf dieser Erde und in diesem Zeitlauf aufzurichtendes Reich der Verklärung, gegen welches ihr die neue Welt der Weissagung in den Hintergrund tritt oder gar verschwindet, tritt eine antichiliastische Richtung entgegen, welche die jetzige kirchliche Entwickelung bis an das Ende der Tage dauern und nicht mit einer Herrlichkeitsepoche, sondern mit dem großen nur eine kleine und von der wiedererstarkten Weltmacht unterdrückte Gemeinde übrig lassenden Abfall schließen läßt, und die Vollendung in das absolute Jenseits in das von dem zur Auferweckung und zum Weltgericht wiedererscheinenden Herrn auf einer neuen Erde aufzurichtende Reich der Herrlichkeit verlegt. Beide Richtungen werden von den angesehensten Kirchenlehrern vertreten;
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den Chiliasten Papias, Justinus Martyr, Irenäus, Tertullian, Methodius, Hippolytus, Lactantius stehen als Antichiliasten Origenes, überhaupt die Alexandriner, und die Orientalen gegenüber; und diese Richtungen haben Sitz und Bestand nicht bloß in der Doctrin der Theologen, sondern auch im Glauben der Gemeinden.
Gleichwohl ist damals eine dogmengeschichtliche Bewegung, welche die Eschatologie zum Inhalt gehabt hätte, nicht in Fluß und noch weniger zum Abschluß gekommen. Der Herr hat seine Kirche andere Wege geführt als die Christen der ersten Jahrhunderte sich dachten. Nicht so rasch sollte die Kirche zum weltüberschattenden Baume erwachsen, sondern in jahrtausende langer Arbeit sollte sie die ewige Ernte bereiten. Der Druck der Weltmacht auf die Kirche wich, als das Christenthum sich ausbreitete und schließlich gar die römischen Imperatoren überwand, je mehr und mehr einer mächtigen Weltstellung der Kirche. Sie fand ihr Denken und Streben jetzt von den Aufgaben der Gegenwart der Art in Anspruch genommen, daß die Gedanken an die letzte Zukunft ihr sehr zurücktraten. So kommt jene Bewegung, die sich durch den Gegensatz der Chiliasten und Antichiliasten eingeleitet hatte, im Laufe des dritten Jahrhunderts zum Stillstand. Der Chiliasmus verschwindet, nicht weil er so sehr bekämpft worden wäre, sondern weil er vergessen wird. Aber auch die antichiliastische Weise, den Verlauf der letzten Dinge zu denken, obgleich sie die in der Kirche herrschende und für rechtgläubig geltende wird und seitdem bleibt, gelangt nicht zu einer festen Durchbildung ihrer Gedanken. Es bewendet schließlich doch bei dem bereits angegebenen Resultat, daß man wie die Wiederkunft des Herrn und durch dieselbe eine Auferstehung des Fleisches und das allgemeine Weltgericht, so auch ein Reich der Herrlichkeit erwartet, aber ohne sich über die Modalitäten desselben bestimmte nähere Auskunft zu geben. Ja es kommt unter der Einwirkung der dem Chiliasmus sich entgegensehenden spiritualisirenden Richtung sogar dahin, daß man die concrete Vorstellung von einem durch den wiedererschienenen Herrn auf einer neuen Erde aufzurichtenden Reiche der Herrlichkeit ebenfalls wenigstens für das theologische Denken ausgiebt, und derselben den abstracten Begriff eines ewigen Lebens, einer jenseitigen himmlischen Seligkeit substituirt. Und noch ein wenig weiter hört man ganz auf, den Dingen des Endes rein um ihrer selbst willen nachzudenken und beschäftigt sich mit denselben nur in so weit, als man durch anderweite Fragen der Gegenwart darauf geführt wird, und in der dadurch bedingten Weite und Weise.
_ Diese Wendung, durch welche die Eschatologie in völlige Abhängigkeit nicht bloß von den anderen Dogmenkreisen, sondern noch mehr von den jeweiligen Praxen der Kirche geräth, hat zunächst diejenige Gestalt derselben zur Folge, welche in dem zweiten von uns angenommenen Zeitraum vom fünften Jahrhundert bis zur Reformation als die herrschende erscheint. Eine Reihe verschiedener Factoren bereitet sie vor. So sehr ist die Kirche von ihrer Mission in dieser Welt und Zeit erfüllt, daß der richtige Satz „außer Christo kein Heil“ sich seit Cyprian allmählich in den anderen Satz „außer der Christum den Menschen vermittelnden Kirche kein Heil“ umsetzt. Und so hingenommen wird die Kirche von der Größe nicht allein der ihr so zugewiesenen Aufgabe, sondern auch der ihr Zwecks derselben zugetheilten Kraft und Macht, daß sie unbedenklich auch die aus diesem Leben Abgeschiedenen in sich und ihre Aufgaben hereinzieht. Wie sie mit Sicherheit darauf rechnet, daß die seligen Märtyrer und Heiligen ihr vom Jenseits her in ihrer Arbeit an den Lebenden helfen müssen, so sieht sie es ihrer Seits als ihre Aufgabe an, von hier aus denjenigen Abgeschiedenen im Jenseits weiter zu helfen, die nicht wie die Märtyrer und Heiligen als perfecte Christen, sondern in allerlei sündlicher Schwachheit befangen hinübergegangen waren. Auch war sie im Allgemeinen um die Mittel, solche Hülfe in das Jenseits hinüber zu leisten, nicht verlegen, da sie schon seit lange von der paulinischen Rechtfertigungslehre ab bis zur Werkheiligkeit und zum System der Satisfactionen so wie zu der Anschauung gelangt war, daß man auch Anderen sogar ohne deren persönliche Betheiligung durch Fürbitten, Almosen und andere Werke der Wohlthätigkeit, namentlich aber durch vermittelndes priesterliches Werk an ihrem Heile helfen könne. Je mehr nun aber auf Grund dieser Anschauungen einer Seits ein sehr mannigfaltiges Handeln der Todten auf und für die
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Lebenden verhofft wurde, anderer Seits ein noch viel mannigfaltigeres Handeln der Lebenden an den Todten und für die Todten sich entwickelte, um so mehr mußte die Nothwendigkeit einer dogmatischen Substruction für diese Hoffnungen und Praxen fühlbar werden, da jedenfalls beide nur unter sehr bestimmten Voraussetzungen über den Zustand der Abgeschiedenen im Jenseits möglich und statthaft waren. Da war es Augustinus, der diese Praxis von seinen anthropologischen Voraussetzungen aus in Theorie brachte, Indem ihm einer Seits von seinen anthropologischen Vordersägen aus das fest stand, daß wer außer der Heilsgemeinschaft Christi stehe, der Seligkeit überhaupt nicht fähig sei, anderer Seits aber aus der kirchlichen Praxis heraus nicht minder das gewiß war, daß die Seligkeit nicht etwa blos vom Glauben, sondern auch von dem an der Hand der kirchlichen Pädagogie im Diesseits erworbenen Grade der Heiligung abhängig sei, nahm er zwischen Denen, die wie die Heiden, Ungläubigen, und aus dem Christenstand Entfallenen in ihren Sünden verstorben, mit dem Tode in die Hölle und Verdammniß gehen, und keiner Hülfe und keines Heils mehr fähig sind, und zwischen Solchen, die wie die Märtyrer und Heiligen als vollkommene Christen verstorben, mit dem Tode zu Gott gehen und der Hülfe zum Heil ferner nicht bedürfen, vielmehr Anderen durch ihre Fürbitten zum Heil helfen können und helfen, eine Mittelklasse Solcher, an die zwar in der Gemeinschaft der Kirche und im christlichen Glauben, aber in unvollendeter Heiligung verstarben, daher mit ihrem Tode weder in Hölle und Verdammniß noch zu Gott, sondern in einen Mittelzustand gehen, in welchem sie ihre dahier begangenen Sünden mit Strafen abzubüßen und von den mitherübergenommenen Fehlen sich zu läutern haben, und darin auch von hier aus durch Fürbitten, Almosen, priesterliches Mittlerwerk unterstützt zu werden fähig und bedürftig sind. Durch diese Theorie Augustins, die weiterhin durch Cäsarius von Arles und Gregor den Großen zu der bekannten Lehre vom Fegefeuer und vom fünffachen Orte des Zwischenzustandes ausgebildet wird, erfährt denn allerdings dasjenige einzelne Kapitel der Eschatologie, welches sich auf den Zwischenzustand zwischen dem leiblichen Tode und der Auferstehung bezieht, eine sogar sehr ausführliche und bestimmte Gestaltung, wenn auch nur von anderweiten Gedanken und Praxen aus. Im Uebrigen aber verbleibt es in diesem ganzen Zeitraum bei dem, was der vorige Zeitraum für die Eschatologie erbracht hat. Man bekennt und lehrt die großen geweissagten Thatsachen der letzten Zukunft in der Weise und in dem Umfange, wie sie ihren Lehrausdruck in den öcumenischen Bekenntnissen gefunden haben. Man freut sich der einstigen Wiederkunft des Herrn und gedenkt ihrer im Advent, man hofft die Auferstehung des Fleisches und predigt ste zu Ostern, man weist auf Weltgericht, Seligkeit und Verdammniß hin, man weiß sogar von einem künftigen Reich der Herrlichkeit zu sagen, wenn auch weniger innerhalb der theologischen Erörterung als in der auf die Schilderungen der Weissagung recurrirenden Dichtung, Aber theologisch durchdacht oder wissenschaftlich behandelt werden alle diese Theile der Eschatologie nicht, denn die mancherlei fürwitzigen Fragen, welche die Scholastik an diese Probleme knüpft, tragen für ihre Erkenntniß Nichts aus. Das einzige Kapitel der Eschatologie, welches in diesem Zeitraum das theologische Denken auf sich zieht, bleibt die Lehre vom Mittelzustande, in der ihr durch die Fegefeuertheorie und die von ihr postulirte Mittelzuständlichkeit gegebenen Fassung.
_ Allerdings gehen daneben in von der Kirche sich entfernenden Kreisen auch häretische Meinungen über die letzten Dinge her. Nicht bloß daß Katharer und Waldenser den Mittelzustand, das Fegefeuer läugnen, die Katharer läugnen auch die Auferstehung, die Mystiker des Mittelalters spiritualisiren die Realität der Auferstehung u. s. w. hinweg; selbst die Scholastik greift hin und wieder die Objecte der Eschatologie zweifelnd an, wenn z. B. Pater Abälard die Fähigkeit der Heiden zur Seligkeit behauptet, oder Scotus Erigena die Oertlichkeit der Hölle und die Aeußerlichkeit ihrer Strafen läugnet; sogar Päbste wie Paul III. und Julius II. läugnen die Hölle, und Cardinäle wie Ubaldini selbst die Fortdauer; auch der Chiliasmus wacht zuweilen in Nothzeiten der Kirche, z. B. im Abt Joachim von Flore und seinen Nachfolgern wieder auf. Aber alles dies sind nur sporadische Erscheinungen; der allgemeine Kirchenglaube hin=
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sichtlich der letzten Dinge verbleibt auf dem eben angegebenen Standpunkte bis zur Reformation.
_ Die Reformation, die wesentlich von der Frage nach dem dem Worte Gottes gemäßen Wege der Seligkeit ausging und von diesem Punkte der Heilsaneignung aus das ganze ererbte System der christlichen Lehre revidirte und ergänzte, war dadurch allerdings von vornherein auf die Eschatologie hingewiesen. Wiederum aber war es nur ein begrenzter Theil der Eschatologie, der von diesem soteriologischen Standpunkte aus in Betracht kam und in Folge dessen in die Lehrentwickelung der reformatorischen Zeit hinein gezogen wurde. Die Parusie und Alles was derselben laut der Weissagung folgen wird, hängt mit den soteriologischen Fragen nicht unmittelbar zusammen, nicht einmal das allgemeine Weltgericht, sofern durch dasselbe Jeder nur nach dem gerichtet werden kann, was er bis dahin geworden. Die Reformation hat demnach, was die Parusie, die Auf erstehung, das Weltgericht und Weltende betrifft, sich begnügt mit den öcumenischen Bekenntnissen das herüber zu nehmen, was sich dieserwegen schon in dem ersten Zeitraum der Kirche festgestellt hatte, wie die Reformation auch die Theologie und Christologie so herüber nahm, wie die Lehrentwickelung der alten Kirche sie festgestellt hatte und denselben nur die aus der schriftmäßig gefaßten Soteriologie 1) sich für sie ergebenden Consequenzen beifügte. Nur das darf allerdings nicht übersehen werden, daß die Kirche der Reformation als die Wiedertäufer und Schwärmer auf den Chiliasmus, und zwar in fanatischer Weise zurückgreifen, diesen wenigstens in seiner crassen Form ausdrücklich abgewiesen hat. Im Uebrigen ist es abermals vorzugsweise der Zwischenzustand zwischen Tod und Auferstehung, dem das Denken der Kirche sich zuwendet. Die Lehre vom Zwischenzustande hängt namentlich in der Fassung, die sie im vorigen Zeitraum durch die Fegefeuertheorie gewonnen hatte, allerdings ganz eng mit der Soteriologie durch die Frage zusammen, ob auch nach dem Tode im Jenseits noch Heil erworben oder gemehrt werden könne. Diese Frage aber konnte die Reformation vermöge ihrer soteriologischen Grundlehre vom rechtfertigenden Glauben nur verneinen. Dieselbe Lehre schloß auch die Nothwendigkeit und Nützlichkeit aller Büßungen, Peinigungen, und Satisfactionen wie für dieses, so auch für jenes Leben aus. Ueberdem erwies sich. was die Kirche des vorigen Zeitraums von dem fünffachen Aufenthaltsorte der Verstorbenen und insbesondere vom Fegefeuer gelehrt hatte. der reformatorischen Kirche als jedes Schriftgrundes entbehrend. Und vollends konnte sie nur bestreiten, daß die Kirche des Diesseits noch für das Seelenheil der Verstorbenen Etwas zu thun habe oder vermöge da ihre schriftmäßige Kritik des mittelalterlichen Systems der kirchlichen Thätigkeiten ihr die Gewißheit gegeben hatte, daß die Kirche von ihrem Herrn um den Menschen das Heil zu vermitteln keine anderen Mittel als die Predigt des Wortes und die Reichung der Taufe und des Abendmahls empfangen hat und daß diese Mittel nicht von den Lebenden an den Gestorbenen angewendet werden können. So kam die reformatorische Kirche zu der der mittelalterlichen gerade entgegengesetzten Lehre vom Zwischenzustande: daß zwar die Seelen der Gestorbenen bewußt fortleben, und daß es also einen Zwischenzustand allerdings gebe, daß aber dieser Zwischenzustand kein Fegefeuer, überhaupt kein Mittelzustand der Abbüßung, der Reinigung oder Läuterung oder vollends der nachträglichen Bekehrung sei, daß vielmehr dieses Leben die Gnadenfrist und der leibliche Tod das definitive Ende derselben sei, daß die Gestorbenen mit dem Tode je nachdem sie gläubig im Herrn oder ungläubig in ihren Sünden sterben, in die Entscheidung zur Seligkeit oder Verdammniß gehen; und daß demnach alles Handeln zum Seelenheil der Verstorbenen bis herab zum Fürbitten für dieselben unnöthig, unnütz und unstatthaft sei. Diese Sätze, in denen Lutheraner und Reformirte im Wesentlichen zusammen stimmen, sind denn allerdings überaus wichtig, aber sie sind doch eben nur Consequenzen aus der Soteriologie auf die Lehre vom Zwischenzustand gezogen und geben so wenig eine vollständige Darlegung auch nur dieser Lehre, daß sie selbst manche zu dieser Lehre vom Zwischenzustande selbst gehörende Fragen, z. B. die Frage nach dem Aufenthaltsorte der Zwischenzuständlichen, ohne bestimmte Antwort lassen. Es ist demnach auch von dem dritten mit der Reformation beginnenden Zeitraume nur zu sagen, daß er der Eschatologie
1) Soteriologie (von altgr. σωτήρ sōtḗr, deutsch ‚Retter‘, ‚Erhalter‘ bezeichnet die Lehre von der Erlösung im christlichen Kontext.
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keine selbständige durchgreifende Entwickelung bringt, daß er die Objecte derselben nur von anderen Standpunkten, vom soteriologischen Standpunkte aus in Betracht zieht, und daß er daher sein näheres Nachdenken nur auf die diesem soteriologischen Standpunkte nahe liegenden Theile der Eschatologie, namentlich auf das Kapitel vom Zwischenzustande erstreckt, die anderen eschatologischen Lehren aber, von der Parusie, Auferstehung u. s. w. in dem unentwickelten Bestande herübernimmt, in welchem die alte Kirche dieselben den späteren Jahrhunderten hinterlassen hatte.
Auch die kirchliche Dogmatik der Lutheraner wie der Reformirten hat den Standpunkt, den die Reformation in ihren Bekenntnissen hinsichtlich der Eschatologie laut Obigem einnahm, nicht überschritten. Sie begnügt sich, jene aus der Soteriologie sich für die Eschatologie ergebenden Consequenzen sorgfältig zu entwickeln und zu begründen, und gewährt den übrigen eschatologischen Lehren von der Parusie, Auferstehung, letztem Gericht u. s. w. nur den Raum eines dürftigen Anhangs, denn die vielen. meist fürwitzigen Fragen, welche manche unserer alten Dogmatiker (z.B. Gerhard) an diese eschatologischen Probleme knüpfen, tragen für die Lösung derselben Nichts aus. Man wird sogar sagen müssen, daß unsere alten Dogmatiker durch einseitige Verfolgung jener soteriologischen Consequenzen hin und wieder den vollen Inhalt der letzten Dinge beeinträchtigen, die Erkenntniß ihrer vollen Bedeutung schmälern. Wenn sie z.B. den Satz, daß bereits der leibliche Tod dem Sterbenden die Entscheidung zur Seligkeit oder Unseligkeit bringt, erweitern zu dem Satze, daß wir bereits mit dem leiblichen Tode in die vollkommene Seligkeit oder Unseligkeit eingehen, so muß es ihnen hernach unmöglich werden, dem allgemeinen Endgericht, obgleich sie ein solches lehren, die volle Bedeutung eines solchen zu vindiciren. Ferner, wenn sie die Seligkeit, welche die im Herrn Versterbenden mit dem Tode beim Herrn im Himmel finden, als die absolut vollkommene sehen, muß ihnen hernach alles unverständlich werden, was die Weissagung der Schrift von einer neuen Erde und Menschheit sagt, wie sie denn auch fast darüber hinweggehen, obgleich schon der in den reformatorischen Bekenntnissen ausgesprochene und auch von ihnen tradirte Satz, daß es Stufen der jenseitigen Herrlichkeit geben werde, sie auf andere Anschauungen hätte leiten können. Nicht weniger hat die von ihnen aus der Reformationszeit herüber genommene Anschauung daß der Antichrist der Papst sei, ihnen das Verständniß dessen erschweren müssen was die Weissagung der Schrift über die Vorzeichen des Endes sagt. Dagegen scheint nun die neuere Zeit der Eschatologie eine selbständigere und umfassendere Behandlung in Aussicht zu stellen. Schon der ältere spenersche Pietismus hatte sich mit Vorliebe der Betrachtung der letzten Dinge zugewendet. Einer Seits hatte das religiöse Bedürfniß Männer wie Spener selbst getrieben, sich um die betrübte Gegenwart der Christenheit durch die Hoffnung besserer Zeiten zu trösten; anderer Seits hatte die durch den Pietismus angeregte fleißigere und freiere Schriftforschung Männer wie Bengel, Roos, Crusius zu der Einsicht geführt, daß die Weissagung der Schrift über die letzten Dinge viel Mehr sage, als die Lehrentwickelung seit Augustinus heraus gesetzt habe. Indessen wurden diese Keime zunächst durch den Rationalismus wieder ausgetilg,t um so mehr als alle diese Vertreter des älteren Pietismus den der immer noch mächtigen Orthodoxie aus guten Gründen bedenklichen Chiliasmus wieder aufnahmen, und überdem manche der späteren Pietisten gar auf zweifellos häretische Lehren wie z. B. Petersen auf die Lehre von der Apokatastasis geriethen. Einstweilen wischte der zur Alleinherrschaft gelangende Rationalismus auch aus dem Denken der Gemeinden die ganze christliche Eschatologie hinweg. Parusie, Weltgericht, Auferstehung, Weltende, neue Welt, das Alles wurde den jüdischen Zeitvorstellungen zugewiesen. Die Welt ging selbstverständlich im natürlichen Wege des Fortschritts unter Führung der Aufklärung einem goldenen Zeitalter entgegen, und den Einzelnen erwartete, wenn er starb eine philosophisch bewiesene abstracte Unsterblichkeit, zu der Jeder gleichen Zutritt hatte, weil ja die Sünde nur eine Kinderkrankheit war; wer aber an so nüchterner Speise nicht satt werden konnte, der mochte erst seine Phantasie und dann seine Seele in Sternenwanderungen oder Seelenwanderungen durch das Weltall schweifen lassen. Selbst als Schleiermacher
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gegen die rationalistische Verwüstung an das christliche Gemüth wenigstens für das Zugeständniß appellirte, daß dem Herrn Jesu eine specifische Dignität als dem Heilande der Welt zukomme, vermochte er doch weder für die „prophetischen Stücke“ der Eschatologie mehr als eine secundaire Stellung im Nachtrage zur Dogmatik in Anspruch zu nehmen, noch denselben einen rechten Sinn abzugewinnen. Dennoch ward der Rationalismus selbst die Veranlassung, daß man da, wo man nach Schleiermachers Vorgange den Banden des Rationalismus sich zu entwinden versuchte, bald näher zu der christlichen Eschatologie hingeführt wurde. Auf der einen Seite begehrten die dem Christenthum sich wieder zuwendenden Gemüther auch für ihre Christenhoffnung einen reicheren Inhalt und bessere Gründe zu haben, als die Unsterblichkeitslehre des Rationalismus und seine sogenannten philosophischen Beweise für dieselbe ihnen darboten. Daneben kehrte den Pastoren die Einsicht zurück, daß ihr Amt sich auch an den Gräbern zu bethätigen habe, was man unter der Herrschaft des Rationalismus so gut wie aufgegeben hatte, aber sie wollten nun auch wissen, was sie da zu thun hätten und wie sie es recht zu thun hätten. Von hier aus kam man dazu, zunächst wegen der nächsten Zukunft, also wegen des Zwischenzustandes, das Wort Gottes zu befragen, jedoch ohne dabei stehen zu bleiben. In den früheren Zeiten konnte sich wohl das Nachdenken mit einer gewissen Ausschließlichkeit auf den Zwischenzustand concentriren, weil daneben die Gewißheit der anderen Thatsachen des Endes, der Paruste u. s. w. feststand; nachdem aber der Rationalismus mit dem Allen aufgeräumt hatte, war es nicht möglich, auch nur über den Zwischenzustand aus dem Worte Gottes klar zu werden, ohne zugleich die Aussagen desselben über die weiteren Dinge des Endes zu vernehmen. Auf der anderen Seite sah sich gegenüber der zersetzenden und negirenden rationalistischen Kritik und gegenüber dem Gebrauche, den diese in ihrem negativen Interesse von den deutlich in der Schrift vorliegenden Anzeichen des geschichtlichen Ganges der Offenbarung machte, die gläubige Schriftforschung darauf hingewiesen, der Geschichte der Offenbarung, der Geschichte des Reiches Gottes nachzufragen; und da nun das Wort Gottes in heiliger Schrift sich nicht begnügt, die Geschichte des Reiches Gottes bis zur Vollbringung des Heils durch Christi erste Zukunft zu erzählen, sondern auch über die schließliche Vollendung des Reiches Gottes weissagt, so mußte diese Schriftforschung von selber auch diese Weissagungen über die endlichen Ausgänge des Reiches Gottes, d. h. die Eschatologie in ihren Bereich ziehen, und zwar gerade in ihren bisher am meisten vernachlässigten Partieen. Ganz besondere Anregung und Hülfe fand die Schriftforschung bei dieser Aufgabe in dem historischen Sinn, welcher nach allen Richtungen hin der neueren Zeit mehr eigen ist, als er es den ersten drei Jahrhunderten nach der Reformation gewesen. Während in letzteren das theologische Denken sich begnügte, nach der Seligkeit des Einzelnen zu fragen, findet sich das neuere, durch geschichtliche Betrachtung der Dinge erweiterte theologische Denken von selbst getrieben, von der Frage nach der Seligkeit des Einzelnen zu den Fragen nach den Ausgängen des Reiches Gottes und der Welt fortzuschreiten, welche Fragen ihre Antwort eben nur in den so lange vernachlässigten Weissagungen von der Parusie, Auferstehung, Weltgericht, Welterneuerung finden. So ist in neuerer Zeit von zwei verschiedenen Standpunkten aus, einem mehr religiös-practischen und einem mehr exegetisch-dogmatischen, die gesammte Eschatologie Gegenstand theologischer Erörterung geworden. Dabei darf man freilich nicht übersehen, daß beide Richtungen noch an sehr wesentlichen Mängeln leiden. Beide Richtungen haben von der allzu schnellen Annahme aus, als ob für die Eschatologie bisher so gut wie gar nichts geleistet wäre, sich nicht genug um die Lehrtradition gekümmert und vergessen. daß die kirchliche Lehrentwickelung in ihrem Laufe doch auch in eschatologischer Beziehung Erträgnisse zurückgelassen und Markpfähle gesteckt hat, die keine weitere Lehrentwickelung ungestraft liegen lassen oder überspringen darf. Außerdem hat die religiös=practische Richtung, theils aus nicht völlig überwundener rationalistischer Gewöhnung, theils veranlaßt durch das Beispiel einiger Pietisten und Theosophen, die wie Jung-Stilling und Justinus Kerner zuerst wieder Auswege aus der rationalistischen Wüste suchten, sich oft nicht enthalten, neben dem Worte Gottes auch andere trübe Quellen (naturwissenschaftliche, philosophische, auch
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Geisterseherei und dergleichen) zu benutzen. So ist die exegetisch=dogmatische Richtung dahin gekommen, nicht selten im Anschluß an Bengel und Crusius, den Chiliasmus wieder aufzunehmen; die religiös=practische aber noch öfter dahin, die in der Reformation vom soteriologischen Standpunkte aus auf die Eschatologie gezogenen Consequenzen verächtlich aus den Augen zu setzen, den Zwischenzustand in einer sehr nahe an die mittelalterlichen Vorstellungen anstreifenden Weise als einen Mittelzustand der Reinigung und Läuterung und selbst der nachträglichen Bekehrung zu fassen, und so selbst zu geradezu häretischen Lehren (z. B. der Apokatastasis) zu gelangen. Es hat dies indessen zunächst nur die willkommene Folge gehabt, daß sich diesen beiden Richtungen eine dritte Richtung Solcher entgegengestellt hat, die ein eben so lebendiges Interesse für die Fragen der Eschatologie mitbringen, aber die weitere Entwickelung derselben anhalten möchten, das mitzunehmen, was die bisherige Lehrentwickelung erbrachte. So liegt bisher und jetzt die Sache, und diese Sachlage wird nicht allein dem hier gemachten Versuche einer umfassenden Darstellung der Eschatologie zur Rechtfertigung, sondern auch den diesem Versuche nothwendig anklebenden Mängeln zur Entschuldigung dienen.
Quelle:
Christliche Eschatologie. Von Dr. Th. Kliefoth, Geheimem Oberkirchenrath in Schwerin. Leipzig, Verlag von Dörffling & Franke. 1886. S. 18 – 26. (Digitalisat)
Übersicht: Einleitung ─ Inhaltsverzeichnis ─ weiter mit § 4
Überblick über einige Ereignisse, die wir erwarten dürfen. Von Helmut Mehringer.
(Poster im pdf-Format – Lizenzierung: CC-BY-NC-SA 3.0)
Stichworte: Eschatologie – Die letzten Dinge – Weltgericht – Zeichen der Zeit
