Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes, (Römer 1, 1 LUT)
1) V. 1-8 . Begrüßung.
V. 1. Mit zweierlei Aeußerungen beginnen in der Regel die Briefe des Apostels, Bezeugung seiner Amtswürde und seiner persönlichen Liebe zu den Gemeinden. Während durch das Erstere für die Leser sofort allen seinen Worten ein göttlicher Stempel aufgeprägt wird, werden sie durch das Letztere zu dem Schreiber in Liebe hingezogen. – Man vergleiche mit den Prädikaten, die er sich hier selbst beilegt, vorzüglich Gal. 1, 1; 1. Tim. 1, 1; 2. Tim. 1, 1. In der Bezeichnung seines Amtes, wie nachher bei allen ferner ausgesprochenen Gedanken steigt er vom Allgemeineren oder Geringeren zum Konkreteren oder Höheren hinauf. So bezeichnet er sich hier zuerst als einen Knecht Christi, welcher Ausdruck im A. und N. T. zunächst von jedem gebraucht wird, der den allgemeinen Willen Gottes auszuführen zur Aufgabe seines Lebens macht (Jes. 65, 13. Dan. 3, 26. Röm. 6, 22; 14, 4. Offenb. 19, 2.5.); sodann von dem, der einen besondern Willen Gottes auszuführen Beruf hat, so daß es Amtsname wird (5. Mos. 34, 5. Jos. 1, 1. Nehem. 10, 29.). Man hat diese letztere Bedeutung auch hier gewöhnlich angenommen und zwar aus dem Grunde, weil ja ἀπόστολος [apostolos] als Erklärung dabei stehe. Wollte man es indessen völlig gleichbedeutend mit ἀπόστολος nehmen, so entstünde eine Tautologie, und gerade darum behauptet Fritzsche, daß nur die allgemeine Bedeutung angenommen werden könne. Allein auch wenn die speciellere vorgezogen wird, entsteht keine Tautologie, denn der Begriff Apostel ist immer noch konkreter, als der eines von Gott zu einem bestimmten Dienst Berufnen; Calvin: apostolatus ministérii est species, so auch Meyer.
Die Entscheidung muß durch den sonstigen paulinischen Sprachgebrauch in den Ueberschriften an die Hand gegeben werden. Wenn nun Paulus Phil. 1, 1. sich und den Timotheus zusammen nur δοῦλοι Χρ. (douloi Christou) nennt mit Weglassung des Apostelnamens, so kann man kaum anders annehmen, als daß die speciellere Bedeutung obwaltet, denn seine Amtswürde wird Paulus nicht unterlassen haben, am Anfange des Briefs zu bezeugen, und so ist denn auch das δοῦλος (doulos) Jak. 1, 1. zu fassen.
Aπόστολος (apostolos) Bezeichnung der besondern Gattung des Amtes von demjenigen Diener Christi, der ausgesandt wird , vgl. εἰς οὓς νῦν σε ἀποστέλλω Apg. 26, 17. Κλητός (klētos) vgl. 1. Kor. 1, 1. Sal. 1, 15 *), Hebr. 5, 4., Gegensatz zu demjenigen, der von selbst sich zu einem Berufe aufwirft, Jerem, 23, 21, also gleich dem διὰ θελ. θεοῦ (dia thelēmatos Theou) 1. Kor. 1, 1. Αφωρισμένος nähere Bestimmung der erhabenen Amtsthätigkeit eines ἀπόστολος, vgl. Apg. 13, 2. – Εὐαγγέλιον θεοῦ. Der Genitiv kann nicht Bezeichnung des Objekts der Predigt seyn, wie Chrys. annimmt; die frohe Botschaft bezieht sich auf den Sohn, wie denn auch dies Objekt V. 3. erwähnt wird; Gott ist als Urheber dieser Botschaft bezeichnet (2. Kor. 11, 7). Εὐαγγέλιον (euangelion) steht nicht für den Infinitiv εὐαγγελίζεσθαι, wie man aus dem Relativ ό erkennt, sondern es findet nur eine ungenauere Ausdrucksweise statt, wie 2. Kor. 2, 12. 10, 14.
*) Daß der Gebrauch des καλέσας διὰ τ. χάριτος αὑτοῦ in dieser St. zu vergleichen sei, kann bezweifelt werden, denn καλεῖν könnte auch die solenne Bed. καλεῖν εἰς τ. βασ. haben ; daß das ὁ ἀφορίσας κτλ. vorangeht, welches sich allerdings auf das Apostolat bezieht, beweist noch nichts gegen diese Bed., und das nachfolgende ἀποκαλύψαι κτλ. beweist eher dafür.
Tholuck , Komment. z . Röm. Br., Kap. 1., S. 47/48
Quelle:
Tholuck, Dr. August: Kommentar zum Briefe Pauli an die Römer.
Neue Ausarbeitung, Bei Eduard Anton, Halle 1842. [S. 47/48; Digitalisat]
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