Ein Berg, welcher für die Wittwe Machtholf kolossal dastand, war durch Gottes gnädige Fügung weggehoben, sie hätte Gottlieb deßhalb ruhig ziehen lassen können, aber noch ein anderer thürmte sich hoch vor ihr auf. Sie kannte ihn durch und durch, und war nicht so blind, wie viele Mütter in Betreff ihrer Söhne sind, daß sie seine Schwachheiten und bösen Neigungen nicht gekannt hätte. Er hatte sich zwar im Lernen so herausgearbeitet, daß er auf die Universität Tübingen mit Nutzen ziehen konnte, aber die Sorge blieb doch der Mutter, daß er jetzt der Welt Preis gegeben und in ihren Strom gerissen werden würde. Da hörte sie von ungefähr, daß eine Wittwe in ähnlicher Lage ihren Sohn zur Gottesgelehrtheit bestimmt und unter die Leitung wackerer Studenten in Tübingen gestellt habe, und daß es recht gut gehe. Das nahm dann die treue Mutter in Ueberlegung. Eine Freundin rieth ihr, dieser Spur nachzugehen. Und wirklich, es war ein Weg Gottes. Wir begegneten in diesem Lebensabrisse schon einzelnen ausgezeichneten Männern Gottes, welche gewürdigt waren, ein Wort oder eine That für den Jüngling in die Wagschaale zu legen. Auch jetzt ist’s ein solcher Gottesmensch, der ihm Gutes that, es war der bekannte R i e g e r, nicht Vater Konrad, sondern der Sohn Karl Heinrich (1726-1791), der damals der damals Repetent in Tübingen war. Als dieser den Namen der Wittwe Machtholf nennen hört und was sie begehre und bekümmere,da fällt ihm gleich ein: „Ei, die ist ja in meines seligen Vaters Erbauungsstunden gegangen. Wie lieb habe ich sie gehabt und ich weiß, daß auch sie mich im Herrn geliebt hat”. Und alsbald setzt er sich hin und schreibt ihr gar freundlich, wie sehr es ihn freue, daß ihm der liebe Gott Gelegenheit mache, ihr seine alte Liebe zu bezeugen, sie solle ihm also nur den Gottlieb schicken, er wolle ihn in Liebe aufnehmen. Das waren Balsamsworte für ein angefochtenes Mutterherz. So sollte er demnach, gerade wie die Mama es wünschte, gar nicht von der Aufsicht frommer Männer loskommen. „Denn Gott weiß”, bekennt er, „wie ich’s so nöthig habe. So übernahm bisher Einer nach dem Andern die Aufsicht über meinen Leib nicht nur, sondern besonders über meine Seele. Ihm sei herzlich Dank davor, daß er meine Nothdurft also treulich pfleget.”
Wir müssen uns doch das Studentenleben des jungen Studiosus Machtholf von ihm selbst schildern lassen, es ist gerade kein erbauliches Bild. Die erbauliche Seite liegt in der demüthigen Offenheit, womit er uns seinen Gang darlegt, besonders nach der innern Seite hin:
„Sobald ich wieder Hülfe sah und Luft bekam, war ich leider sogleich der gottsvcrgessenste Mensch. Anfangs zwar meines Aufenthalts in Tübingen schien ich Etwas brav zu sein daß man gute Hoffnung hatte. Es war aber nur, bis ich, so zu sagen, erwarmte: so war ich der ungezogenste, hochmüthigste, freieste und meinen theuern Vorgesetzten leider widerspenstigste Mensch, soviel ich zukommen konnte, so daß meine lieben Vorgesetzten meine liebe Mama auch nach Tübingen herbeiriefen, um vor den Riß stehen zu helfen, die ich aber auch leider bis auf den Tod quälte, denn ich wollte recht burschenmäßig leben, und das war so gar nicht ihr Sinn. Ich widersprach ihr wider alle Ueberzeugung, daß ich nicht ohne Wehmuth daran gedenken kann, was das für ein zerrüttetes Wesen war. Ich konnte auch bald vollends mein Lügenwerk, womit ich meine Laster entschuldigen und beschönen wollte, vor Wahrheit annahmen, und mich bereden, als wäre es so, und machte mir Freude daraus, die Gottlosigkeiten durch zu behaupten, dabei denn mein Gewissen immer laxer geworden und endlich gedacht hat: der Doctor Luther habe z. E. die Gebote nur so scharf erklärt. die Schrift aber nehme es nicht so scharf, allein in die h. Schrift schaute ich nicht mehr recht hinein, als mit Zwang und Drang, daß ich hätte die Wahrheit draus lernen können, sondern meine Erkenntniß und Ueberzeugung verlor sich immer mehr, und ich wurde unwissender, blinder und verstockter, machte mir aber leider einen Ruhm daraus, meinen vorgesetzten Kindern Gottes, besonders auch meinem lieben Beichtvater, den man auch hinter mich schickte, trotziglich auszupariren und nichts nachzugeben. Es riß mich aber der Grimm und Zorn sammt den fleischlichen Lüsten immer mehr so dahin, daß ich damals recht groß ausgesehen haben muß, denn ich wurde mir endlich selbst zur Last, indem immer so viel Streit zwischen meiner lieben Mama und mir gottlosen Menschen war, daß ich mir zuletzt vor Unmuth und Ingrimm selbst nicht mehr zu helfen wußte”.
Es kam endlich auf’s äußerste mit ihm; er dachte daran, mit dem bösen Feinde der Seelen wie in einen Akkord zu treten. Die abenteuerlichsten und sündlichsten Einfälle trug er mit sich herum. Er hätte bei dem Anerbieten des Teufels: „Das alles will ich dir geben, so du vor mir niederfällst und mich anbetest” gewiß damals willig den Fußfall gethan, wenn er nur einen Weg hätte ausfindig machen können, um wieder von ihm loszukommen. Er wollte und konnte nicht, denn die starken Gebetsarme seiner Vorgesetzten, und besonders seiner theuern Mutter hielten den armen Jüngling von dem Versinken zurück. „Ihre Gebetskraft machte”, rühmt er, „daß ich mit der Welt so zu sagen nicht recht zu Streich kommen konnte, sie nahm mich nicht recht an, gewann mich nicht recht lieb, sondern mein Sach war ihr zu einfältig. Aber das machte: Ich hatte noch keine rechte Freimüthigkeit zu sündigen, sondern immer noch Anklage. Da stund mir’s nicht an wie etwa Andern, und hatte…
Ledderhose Machtholf’s Leben und Schriften
keine rechte Art, wann ich noch so teuflisch sein wollen. Das verdroß mich aber genug und hätte gerne die Welt besser von meinem Weltsinn überzeugt, aber ich konnte nicht, und da schalt sie mich oft noch so unschuldig einen halben Pietisten oder einen Narren und unverständigen Gesellen. Ach Gottlob! Wer weiß, wenn sie, die Welt nämlich, mich besser angenommen hätte, was noch geschehen wäre.“
Wenn die Leute auf die Stimme Gottes nicht hören wollen, so läßt er sie fühlen. Das erfuhr auch der zwischen Thür und Angel stehende leichtsinnige Student Machtholf. Im Herbste
1756 überfiel ihn eine so heftige Kolik, daß er sich schon seines Lebens versah. Er bat um einen Arzt, aber seine anwesende Mutter, die aus mütterlicher Sorgfalt nach Tübingen gezogen war, trat dazwischen mit der christlichen Rede : „Nur gemach, es muß vorher zum himmlischen Arzt gebetet sein!” Sie that es alsbald, und er mußte auch beten. Aber bei ihm wollte es nicht recht gehen. Dazu trugen seine heftigen Schmerzen viel bei. Er brachte nichts heraus, als : „Lieber Gott , laß mich nur diesmal nicht sterben!” Der Schmerz ließ nach, der Student kam etwas zur Besinnung, und ahnte, was es sei um die
Ruhe der Seele. Es schien sogar, als wolle sich dieses Kolikübel bei ihm einnisten, denn von Zeit zu Zeit kehrte es zurück. Er dachte dazwischen hinein: „Darunter könntest du einmal bleiben, du hast also für deine Seele zu sorgen”. Die gute Wirkung hatte dies, daß er gutwilliger wurde und sich von der Welt mehr zurückhielt. Und auch das hielt nicht Stand. Es tobten wieder in seinem Herzen die fleischlichen Lüste, die schon in früheren Jahren ihr unheimliches Feuer ihn fühlen ließen. Schon war er nahe daran, das sechste Gebot gröblich zu übertreten, da hielt ihn eine widerstrebende starke Macht innerlich
zurück. Während die Sünderin darauf eingegangen wäre, ging Machtholf noch selbigen Tag zu ihr, ihr die Sündlichkeit der Sache vorzustellen, „damit sie mich in der Hölle nicht anklagen könne, daß ich als ein Geistlicher sie geärgert”. Der Herr hatte seine Gnadenhand über ihn gehalten, und doch vergaß er bald wieder, wie nur Gottes Gnade ihn bewahrt hatte.
Ledderhose Machtholf’s Leben und Schriften
Das war sein innerer Zustand auf der Universität. Daß er trotzdem gelernt hatte, beweist das Examen, das er zu seinen Gunsten nach vollendeten Studien ablegte. Ich habe oben
zweierlei Universität an die Fronte des Kapitels geschrieben. Die zweite Universität, die er jetzt bezog, war die eigentliche, die hohe Schule des heiligen Geistes, auf welcher der Sünder zu Christo bekehrt wird. Das geschah mit Machtholf auch. Es war im Juni 1757, da erhielt er von Bernloch aus die Aufforderung, in Abwesenheit des Pfarrers 14 Tage zu vikariren. In dieser Gemeine war gerade eine mächtige Erweckung, um derentwillen
Machtholf gerade hinwollte. Die Bernlocher, welche aus ihrem Sündenschlafe aufwachten, suchten überall Belehrung und Aufmunterung. Sie kamen auch zu dem jungen Studenten, der jetzt einen Vikar bedeuten sollte. Sie wünschten, von ihm weiter geführt zu werden. Hier fühlte er aber recht seine geistliche Armuth, es lehrte ihn beten. Sein Ernst machte einen guten Eindruck auf die ledigen jungen Burschen, zugleich zog sie die Jugend ihres zeitweiligen Vikars an. Freilich hatten des Bernlocher Pfarrers ernste Predigten die Buben ergriffen, oder wie Machtholf sich ausdrückt, „sie hatten schon einen Fang bekommen”.
Solche Vorgänge munterten unsern Gottlieb Friedrich zu immer größerem Ernste auf. Der Pfarrer kam wieder zurück und hielt einmal eine Erbauungsstunde über die zermalmenden Worte der Offenbarung: „Ach daß du kalt oder warm wärest!” Machtholf,
welcher ebenfalls anwohnte, fühlte das ewigkeitsschwere Gewicht dieser Anklage, und dachte bei sich: „So bist du, wie wird dir’s also gehen?” Er verlegte sich auf’s Gebet, daß ihn Gott doch wolle heiß in seiner Liebe werden lassen. Am Sonntag drauf war Abends eine gewöhnliche Kinderstunde, wo jedes Kind ein Verslein oder Sprüchlein brachte, das ihm besonders zusagte. Mit den Kindern wurde dann über solche Sprüchlein geredet,
was der Herr gerade in’s Herz gab. Von einer Vorbereitung darauf konnte also nicht die Rede sein. An jenem Abende wollte der Pfarrer die Stunde wie gewöhnlich halten, wurde
aber verhindert, so daß Machtholf eintreten mußte. Er erschrak über den Auftrag , aber er rief auch den Herrn an, ihm doch beizustehen. Und siehe er wurde so belebt and angefeuert, daß er sehen mußte, der Herr habe sein Gebet erhört. Es fiel ihm die Geschichte vom Stummwerden des Zacharias, des Vaters des Täufers ein, welcher bekanntlich darum die Sprache verlor, weil er nicht an das Wort des Herrn glaubte.
Statt daß er nach Bernloch Universitätsweisheit bringen wollte, brachte er nach Tübingen mehr mit, als was ein Professor auf der Universität lehren kann. Er konnte seinem Gott
gläubig danken, und eine gewisse Freudigkeit erfüllte eine Zeit lang seine Seele. Daneben beging er viele Fehler, namentlich gerieth er in falsche Freiheit, raffte sich aber wieder auf zu größerem Ernste. Dazwischen regten sich auch wieder die bekannten Lüste des alten Menschen, und er bekennt , daß er nicht immer obgelegen habe.
Seine Personalien, in denen er das Lob Gottes anstimmt für seine große Güte, berühren einige Punkte, die sein Tübinger Universitätsleben, wie wir es geschildert haben, ergänzen. Gott führte ihm daselbst rechtschaffene Jünglinge zu, die sich seiner annahmen. Er nennt unter andern besonders Fricker und den Repetenten Roos. Kanzler Reuß und Dr. Sartorius wirkten mit Segen auf sein Herz. Auch hier hebt er seine Mutter hervor, als die ihm besonders zum Segen gedient habe.
Obwohl er damals an kranken Augen litt , so half ihm der Herr doch durch, nach fünf Universitätsjahren sein Examen zu machen. Das dreiwöchentliche Vikariat in Bernloch konnte er nicht vergessen, denn Bernloch wurde seine rechte Universität. Er sagt: „Der Herr hat mich allda Vergebung aller meinr Sünden mit Freuden anfangen glauben lernen”. Besonders rühmt er sein Vikariat bei dem bekannten Special Steinhofer
in Ehningen, dessen tiefe evangelische Einsicht dem Herzen des jungen Vikars gar wohl gethan hat.
Nachdem er sein Examen trotz seiner Augenleiden glücklich bestanden hatte, wurde er auf das Vikariat Hirsau berufen. Drei Jahre hatte er hier auszuhalten, aber er hielt gerne aus, denn der Aufenthalt sagte ihm leiblich und geistlich zu. Wie viel rühmt er aus seinen Vikariatsjahren! Bald sind’s geistliche Güter, die er zu genießen hat, bald wieder leibliche. Einmal errettete ihn Gott aus Feuersgefahr, ein anderes Mal aus einer Gefahr von scheuen Pferden. Er kann fast nicht fertig werden,die Wahrheit auszusprechen, daß Gottes Güte ewiglich währt.
Es ist nur Schade, daß sich der liebe Mann nicht in Einzelheiten einläßt, allein diese verschwinden ihm vor den hellen, glänzenden Lichtstrahlen, die über sein ganzes Leben ausgebreitet liegen. Solche Strahlen kommen nicht von ihm, sondern sind Segnungen der Freundlichkeit und Güte Gottes. Er hat, so zu sagen, nur zwei Gedanken, die sein ganzes Herz und seine ganze Anschauung durchziehen: „Ich bin ein Sünder, aber du bist der Sünderfreund, Herr mein Heiland”. Und damit hatte er ja das Rechte gefunden.
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Ledderhose: Machtholf’s Leben und Schriften, S. 15 – 21 „Zweierlei Universität”