Zum ersten Sonntag des Advent: Wann kommt das Reich Gottes? (Blumhardt)

Wann kommt das Reich Gottes ?

Lukas 17, 20-25.

Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden. Man wird auch nicht sagen: Siehe hier, oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch. Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, daß ihr werdet begehren zu sehen einen Tag des Menschen Sohnes; und werdet ihn nicht sehen. Und sie werden zu euch sagen: Siehe hier, siehe da. Gehet nicht hin, und folget auch nicht. Denn wie der Blitz oben vom Himmel blitzt, und leuchtet über alles, das unter dem Himmel ist; also wird des Menschen Sohn an seinem Tage sein. Zuvor aber muß er viel leiden, und verworfen werden von diesem Geschlecht.

Zwei Worte sind es, in Christo Jesu geliebte Freunde, die wir in unserem heutigen Texte vornehmlich werden zu betrachten haben, damit wir ein Gefühl von dem Advent bekommen und von seiner Bedeutung. Diese Worte sind: „Reich Gottes“ und „Tag des
Herrn“. Das sind die zwei großen Worte, die der liebe Heiland auf die Erde gebracht hat und in die alles zusammengefaßt ist, was wir nur immer erwarten und wünschen mögen. Es ist gekommen und wird kommen das Reich Gottes , und es wird kommen der Tag des Herrn Jesu Christi! Wer das versteht und in sich aufnimmt, der weiß, was Advent ist; denn Advent bedeutet auf deutsch: Ankunft.

So reden wir also: von dem Advent oder der Ankunft

I. des Reiches Gottes und
II. des Tages des Herrn.

Ach Herr, gieb Du uns Gnade, auf daß wir es recht verstehen, und das uns daraus zueignen, was uns not thut, damit wir teil bekommen an Deinem Reiche und einmal Freude haben an Deinem Tage. Hilf, Herr, und gieb unseren Seelen eine neue Speise aus Deinem Wort, um getrost fortzupilgern, bis alles vollendet ist, was Du verheißen hast.

Amen.

Blumhardt’s Werke II. (Predigten 1.)

Seite 2  ─  Zum ersten Sonntag des Advent.

I.

Wir reden also, meine lieben Freunde, von dem Advent, oder der Ankunft des Reiches Gottes und gehen zum Text zurück. Da fragen die Pharisäer den lieben Heiland: „Wann kommt das Reich Gottes, oder wann ist der Advent des Reiches Gottes?“

Der Herr hatte Seine Predigt damit begonnen, daß Er sagte: „Thut Buße und glaubet an das Evangelium, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“. Auf dieses Wort nun beziehen sich vielleicht die Pharisäer, wenn sie sagen: „Wann kommt das Reich Gottes, von dem Du predigst?“ –  Statt eine Antwort zu geben auf die Frage „wann“? giebt der Heiland die Antwort was komme, indem er den Begriff des Reiches Gottes anders nimmt, und anders zu verstehen giebt, als die Pharisäer denselben auffassen.

Sie dachten sich ein irdisches Reich, da Jerusalem würde eine berühmte Gottesstadt werden, unter einem siegreichen Könige, so daß das Volk Israel würde in einen Glanz kommen, vor dem alle Völker zittern und davon die ganze Welt sagen würde: „So giebt es doch kein Reich mehr auf Erden, wie Israel“, ein Reich, dem alle am Ende huldigen und Gaben bringen müßten. Das verstanden die Pharisäer unter dem Reich Gottes, und nach einem solchen Reiche waren sie alle sehr verlangend, weil sie jetzt unter dem Drucke der Römer, in einer, wie sie meinten, heidnischen Knechtschaft leben mußten. Diesen Begriff vom Reiche Gottes will der Herr nun berichtigen und sagt: „So geht es nicht, wie ihr meint, es kommt nicht mit äußerlichen Geberden, so daß man etwa sagen könnte: da ist es, dort ist es!“ – Es wird also kein großer Feldherr oder gewaltiger König mit einer prächtigen Rüstung und Soldaten, irgendwo in Jerusalem oder sonst wo sich festsetzen, einen Hofstaat sich einrichten, Boten in alle Welt aussenden, prächtige Triumphe feiern, mit seinem Szepter alles beherrschen, und mit seinem Stabe alle Völker unter sich bringen.

Das sind äußerliche Geberden , von denen der Herr sagt, daß mit diesen das Reich Gottes nicht kommen werde. Von alledem wird nichts zu sehen sein; ihre Hoffnung mußten die Leute alle ganz auf etwas anderes richten, als auf irdische Befreiung, irdischen Glanz, in den das Volk Gottes werde gestellt sein. Darum sagt der Heiland: „Suchet es nicht in äußerlichen Geberden, denn das Reich Gottesbist inwendig in euch“.  Mit dieser Erklärung ist auch in etwas die Antwort auf das „Wann“ gegeben, nämlich damit sagt Er: „Das Reich Gottes ist schon da, oder wenigstens, es kann schon da sein, in dir und in jedem, der Mich hört, der Buße thut und glaubt; in einem solchen ist schon inwendig das Reich Gottes, und er hat…

Lukas 17, 20 – 25  ─  Seite 3

…nicht weiter zu fragen, wann? denn so kommt es nicht, wie ihr meinet, daß es kommen werde, und wenn ihr auch wer weiß wieviel Millionen Jahre darauf warten wolltet?  Nun, das giebt uns Anlaß vom rechten Advent des Reiches Gottes zu reden, wie es kommt und was es eigentlich ist.

Inwendig in uns soll es sein, das Reich Gottes. Machen wir aus dem Wort „Reich Gottes“ ein anderes und sagen etwa: die Herrschaft Gottes, so wird es uns vielleicht schon deutlicher; oder wenn es heißt : „das Reich Gottes ist in euch“, so heißt das auch: „der Herr ist es, der von euch Besitz genommen hat“. Wenn der Herr jemanden gewonnen hat, über jemanden Gewalt hat, so ist in einem solchen Menschen das Reich Gottes ausgerichtet; der Herr herrscht und regiert in ihm, wenn er, wie der Herr sagt, Buße thut und an das Evangelium glaubt“. Hienach kann das Reich Gottes jeden Augenblick in jeden Menschen kommen, und so haben wir am heutigen Advent zu fragen:

1. habe ich das Reich Gottes in mir?
2. hast du es in dir?
3. haben es viele in sich?

1. Das Reich Gottes , meine lieben Freunde, soll kommen in uns, wir sollen des Herrn werden. Alles, was wir sind und haben, soll nicht unser sein, sondern unseres Gottes. Ist es das, so ist Er der Herr und Sein Reich ist in uns und unsere Herzen sind dieses Königs Palast und des heiligen Geistes Tempel.

Da fragt es sich also: haben wir schon Advent gefeiert? Ist der Herr schon eingekehrt bei uns? Sind wir des Herrn? Zuvor, ehe der Heiland kam, da regierte Satan in den Herzen, und war Satans Reich in ihnen ausgerichtet. Dieses Satans – Reich nun sollte in einem jeden Menschen zerstört, und Gottes Reich in ihm aufgerichtet werden; der Mensch soll aufhören dem Satan zu dienen, und allein dem lebendigen Gott anhangen; der Mensch soll hinfort sein Vertrauen auf die bösen Dinge und Verkehrtheiten wegwerfen und all sein Gutes vom lebendigen Gott erwarten und Ihm, als dem einzigen Helferbin der Not, die Ehre geben. Ach, liebe Freunde, wie viel Tausende feiern heute Advent und wissen nicht, was sie feiern. Wie viel Tausende geben ihre Herzen nicht her, sondern dienen einem fremden und nicht dem wahren Gott. Wie viel Tausende lassen den Herrn keine Gestalt in ihren Herzen gewinnen, sondern bleiben Satans Diener, lassen das Böse in sich fortwuchern, und lassen sich aus ihrem Verderben nicht herausretten; sie wollen den Kräften der Finsternis nicht entrinnen, sie bleiben gebundene Sklaven, verderbt und so auch verloren, weil noch nicht Gottes Herrschaft durch Jesum Christum in ihnen aufgerichtet ist. Ach, was wäre es aber, wenn der heutige…

Seite 4  ─  Zum ersten Sonntag des Advent.

…Tag ein Adventstag, ein Tag der Ankunft des Reiches Gottes in vieler Herzen würde!  Frage also vorerst dich selbst, ob das Reich Gottes in dir ist?

Wie kommt es denn aber in dich? Höre nur auf den Heiland, ohne viel herum zu fragen. Thue Buße und glaube an das Evangelium, so kommt das Reich Gottes in dich, du wirst des Herrn, schreibst dich dem lieben Gott zu und sagst: ich will Dein Eigentum sein, vergieb mir meine Sünden, laß mich halten im Glauben die mir angebotene Gnade! So wirst du ein Mitglied des Reiches Gottes und so kommt es in dich hinein. O, meine Lieben, welche Barmherzigkeit thut Gott an uns, und Er hat sie gethan, daß Er uns Gelegenheit giebt, aus den Banden der Hölle herauszukommen, und unter das süße Joch Christi gestellt zu werden, dabei wir in Zeit und Ewigkeit unser wahres Heil und Wohl finden.

Wollte Gott, auf die Frage: Wann kommt das Reich Gottes? könnte jeder sagen: Gottlob, bei mir ist Advent schon vorbei, ich habe es! Weil aber doch nicht viele so sagen können, auch unter euch vielleicht nicht viele, so müssen wir immer wieder, so oft wir Advent feiern, auf die Zukunft blicken, auf eine Zeit, da das Reich Gottes erst werden soll, und müssen seufzen: Ach, Herr, mach doch, daß Dein Reich immer weiter kommt, immer mehr Seelen erfasse und endlich die ganze Welt ergreife und in aller Völker Herzen eindringe. Und da ist der erste Seufzer, den wir zu thun haben, daß doch Sein Reich in mir begründet würde. Jeder für sich mag das bitten und seufzen:

„Ach, daß doch in meinem Herzen ganz allein der lebendige Gott regieren möchte, in meinem Herzen der Heiland sich ganz fände; ach, daß doch kein Wille in mir wäre, als der vom Herrn kommt! Ach, daß doch ich nichts anderes begehrte und für wichtig hielte, als meinen Gott und Heiland! Ach, daß doch alles Verkehrte, Böse und Gottlose aus mir hinauskäme, daß ich möchte ein reiner, lauterer Tempel meines Gottes werden, also daß es mir in alle Ewigkeit gewiß bleibe, daß Er mein Gott und ich Sein Kind bin.

Solch einen Advent wünsche ich jedem von euch, und weil wir mit einem male nicht alles sind, dürfte jeder Tag ein Advent für uns sein, ein immer wieder neues und volleres Hereinkommen und Siegen des Königs aller Könige in unseren Herzen, bis alles ausgebannt und ausgerissen ist, was untauglich ist vor Seinem heiligen Angesichte, auf daß Er mit Seiner ganzen Herrlichkeit in uns wohnen könnt!

2. Wenn wir aber für uns schon etwas haben, so ist der zweite Wunsch: „Ach, daß doch auch in die und die Menschen um…

Lukas 17, 20-25.  ─  Seite 5  

…mich her der Advent des Reiches Gottes möchte gefunden werden!“

Damit will ich sagen, wie ein jeder für sich dem Nächsten, der ihm begegnet, müßte helfen, daß er auch das Reich Gottes in sich bekomme. Es ist nicht recht, wenn nur ein jeder für sich allein sorgt, und es geht auch nicht recht vorwärts mit einem Menschen, wenn er nicht zugleich Sorge hat für die Nächsten, die um ihn her sind, daß durch Gottes Gnade auch in ihnen möchte das Reich Gottes aufgerichtet werden. Der, mit dem wir zusammentreffen, mit dem wir reden, der sollte uns immer einer sein, in den wir womöglich das Reich Gottes hineinzubringen trachten. Da sind unsere Hausgenossen, unsere Nächsten, Freunde, Nachbarn, mit denen wir verkehren.

Es sollte uns zur Qual sein, Leute um uns zu haben, mit Leuten Verkehr zu haben, zu arbeiten, ein Geschäft zu haben, die so ganz und gar dem Reiche Gottes fremd sind. Da gilt es zu seufzen und zu beten und freundlich zu reden, ernstlich zu warnen, geschwisterlich zu trösten, mitunter zu bestrafen, mitunter gemeinschaftlich zu beten u. s. f. Auch der heutige Advent muß uns auffordern, daß wir doch, weil der Heiland kommen und sich in allen Herzen verklären will, mitwirken, daß ein Advent gefeiert werden möchte in allen, die um uns sind.

3. Sodann das dritte, nach dem wir zu seufzen haben, ist, daß möchte das Reich Gottes in aller Herzen offenbar werden. Ja, unsere heutige Zeit ist eine traurige Zeit, eine jammervolle Zeit! Warum? – Weil so viele Millionen, die sich Christen nennen, das Reich Gottes nicht in sich haben, so daß wohl zu keiner Zeit das Reich Gottes so gering gewesen ist, wie zu unserer Zeit, und in keiner Zeit die Herrschaft des Fürsten der Finsternis so umfangreich geworden ist, als in unserer Zeit. Denn damit ist Gottes Reich noch nicht gemacht, daß da und dort frommes Bestreben ist, wenn man viele Leute sieht, die äußerlich allerlei arbeite , daß ein besserer Geist in die Menschen komme; damit ist das Reich Gottes noch nicht in den Herzen aufgerichtet. Vielmehr muß man bitter beklagen , daß so viel tausend Versuche scheitern; je mehr man predigt und ermahnt, desto kälter, träger, hartnäckiger, ja oft frecher und gottloser werden die Leute, daß man es mit Händen greifen kann, daß nicht das Reich Gottes in ihnen ist, sondern das Reich des Satans hat noch festen Grund und Boden, in vieler Millionen Herzen. Da möchte man fragen, wann kommt es? Wann wird es denn anders werden? Wann werden einmal alle Völker einen Eindruck bekommen von dem wahren Herrn und Könige? Wann wird die Zeit kommen, in der sich aller Knie beugen werden und alle Zungen bekennen, daß Jesus…

Seite 6  ─  Zum ersten Sonntag des Advent.

…Christus der Herr sei?  Oder, wann werden nur die Herzen, die der Aufnahme des Herrn fähig sind, wann werden die unterworfen sein dem einigen Herrn und Könige, der aller Herzen so gern gewinnen möchte und selig zu machen sich bemüht?

In diesem Sinn sollte das Reich Gottes in die Welt kommen, nicht daß Könige und Kaiser mit äußerlichem Prunk Träger des Christentums wären, wie wenn es der Prunk ausmachte, sondern es soll alles innerlich im Herzen sein, daß jedes nichts will, als den
Willen seines Gottes thun, durch den Heiland, bis in den Tod hinein.

O, solch ein Advent sollte kommen! Und der muß doch zukünftig sein, es muß doch dieser Advent in vieler Millionen Herzen in allen Völkern der ganzen Erde zu erwarten und zu hoffen sein, wenn nicht zuletzt alles Fleisch soll den Weg des Verderbens gehen, wie zu
Noahs Zeit. Als der Herr Seine Zwölfe aussandte, daß sie gehen sollten bis an der Welt Ende und Reichskinder aus allen machen, die ihnen zugehörten, da war es ganz anders als heutzutage; denn überraschend schnell unterwarfen sich viele Tausende dem König aller
Könige. Aber seitdem hat der Herr, unser zur Rechten Gottes erhöhter Heiland scheinbar viel von Seinen Majestätsrechten verloren, auch viel von dem Respekt verloren, den Seine Unterthanen vor Ihm haben sollten; seitdem will fast niemand mehr dem Herrn dienen, da sagen sie alle: O sollte das unser Herr sein? Es reden die meisten nur davon, wie sie sich selbst leben wollen und fragen nichts nach dem, der ihnen alles sein sollte, und bis auf den heutigen Tag ist niemand verachteter als unser hochgelobter Heiland, der an alle Herzen Sein Recht hat.

Da könnte man an einem Adventstage wohl auch wieder mit Wehmut fragen: Wann, o wann wird’s anders werden? Wann wird dieses Gottesreich in aller Herzen aufkommen? Und wann werden sich alle Völker Jesu, ihrem Herrn, unterwerfen? Daß sie zu Ihm eilten, zu Ihm riefen, auf Seinen Willen achteten und von Ihm sich gerecht und selig machen ließen? Wann wird es werden? So oft wir einen Advent feiern, muß eine Wehmut uns überschleichen, daß es noch so jämmerlich an vielen Orten aussieht…

Jahrelang immer dasselbe, immer der gleiche Jammer, derselbe Abfall von Gott, dieselbe Verachtung Gottes. O, daß wir uns doch alle vereinigten mit Bitten und Flehen, damit das Reich Gottes beschleunigt werde, und die Zeit des Sieges näher rückte!

II.

Doch wir haben noch ein zweites Wort zu betrachten, das dem ersten einen Nachdruck giebt, dieses zweite Wort wäre „Tag des Herrn“.

 Lukas 17, 20-25.  ─  Seite 7  

Es haben viele aus dem Worte: „das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden“ schließen wollen, der Herr werde nicht mehr sichtbar wiederkommen und Sein Reich einnehmen, sondern es gehe rein geistlich zu, ohne daß wir einmal erwarten dürften, daß der zur Rechten Gottes erhöhte Heiland werde wiederkommen. Diese alle übersehen, daß in derselben Rede der Heiland von Seinem Tage“ redet, und deshalb müssen wir unterscheiden, zwischen dem Reich Gottes und dem Tag des Herrn.

Der Tag des Herrn wird kommen, und zwar „wie ein Blitz oben vom Himmel blitzet und leuchtet, also wird des Menschen Sohn sein an Seinem Tage“. Der Heiland deutet es klar an, was Er mit dem Blitz sagen will. Also es blitzt, d. h . mit außerordentlicher Schnelligkeit geht es. Er kommt vom Himmel herab und leuchtet über alles; wie man den Blitz überall unter dem Himmel sehen kann, in den weitesten Fernen, so wird auch plötzlich das Zeichen des Menschen Sohnes gesehen werden. So wird Er wiederkommen. Das ist doch etwas anderes, als was Er oben vom Reiche Gottes sagte. Deshalb wollen wir von dem Tage des Herrn auch noch ein Wort reden. Der Tag des Herrn ist zugleich der
Höhepunkt und Gipfel des Reiches Gottes. Wenn die Herzen Ihm unterthan sind, wenn – wie sich die Offenbarung ausdrückt – die Braut, die Gemeinde des Herrn geschmückt ist mit der reinen Seide der Gerechtigkeit, wenn die Völker dem Herrn zu dienen zubereitet sind, dann wird plötzlich der Herr kommen und sie von dem Druck befreien, in den sie eben dann am meisten kommen, wenn sie am treuesten dem Herrn dienen möchten. Je völliger das Reich Gottes in den Herzen wird, desto größer ist Satans Widerstand. Darum gegen die letzte Zeit hin, wenn der Herr Seinen Geist senden wird, um die Herzen zu gewinnen und wirklich auch viele gewonnen werden, wird der Grimm des alten Drachen erwachen und immer schrecklicher wüten, und werden die , die das Reich Gottes in sich haben, in die äußerste Not und Gefahr kommen und ein Jammerleben führen.

Da haben denn die Reichskinder unter solchem Druck zu seufzen, zu beten und zu flehen, und endlich wird man den Herrn sehen gleich einem Blitz kommen, und Er wird erretten Seine Auserwählten; und sie werden mit Ihm herrschen und regieren ewiglich. Das ist der Tag des Herrn und bis auf diesen Tag des Herrn soll das Reich Gottes in den Menschen aufgerichtet werden. Denn Er kann nicht kommen, wenn nicht Leute als Seine Unterthanen Ihm unterworfen sind. Es kann der Arge nicht gerichtet werden, so lange er alle Menschen noch gebunden hält; so lange sie sich alle dem Argen…

Seite 8  ─ Zum ersten Sonntag des Advent.

…unterwerfen und ihm huldigen, kann der Herr nicht kommen, Er müßte dann alle miteinander richten. Aber es soll durch eine Errettung, eine Erlösung gehen, eine Wiederbringung des Verlorenen.

Somit bahnt also der Advent das Reich Gottes in den Herzen an, und bereitet den Tag des Herrn vor, und jemehr die Völker dem rechten Herrn dienen , desto näher ist der Tag des Herrn , der als ein Erlösungstag auszufassen ist für die Reichskinder. Wenn man also auch hier fragen will: Wann kommt dieser Tag? so ist die Antwort einfach: dann, wenn das Reich Gottes wird die meisten Herzen gewonnen haben, wenn das Reich Gottes gewurzelt ist in den meisten Herzen, so tief, daß keine Macht der Finsternis es ersticken kann, dann kommt der Tag des Herrn. Darum müssen wir alle, die wir nach einer Erlösung seufzen, vornehmlich bitten, Gott möge die Herzen überwinden, bezwingen, damit sie lernen, Sein Reich in sich aufrichten zu lassen , aller Barmherzigkeit Gottes gewiß zu werden , und mit ganzem Herzen Ihm sich zu unterwerfen. Dann, dann ist die große Erlösungszeit nahe , der rechte Advent, da der Heiland kommen wird .

Dieses Wort „Tag des Herrn“ hat aber auch eine ernste Seite. Es werden viele sein, die sich mit nichts zwingen lassen, keine Ermahnung, keine Predigt annehmen, keine Wirkung des heiligen Geistes in sich gelten lassen, sondern faul, träge und gleichgültig bleiben, und nicht den Herrn zu ihrem höchsten Gut machen wollen, nicht des Herrn sein wollen, sondern nur mit dem Satan buhlen, satanisch denken, reden und handeln. Es wird mitten in der Menschheit eine Schlangenwelt geben, einen Schlangensamen, der sich durchaus nicht unterwerfen lassen will der freundlichen Stimme des Herrn. Diesen ist der Tag des Herrn ein Schreckenstag, die werden an jenem Tage überwältigt, mit Gewalt zertrümmert werden, und für die rückt das Gericht heran, da sie dann für ihre Widersetzlichkeit und Halsstarrigkeit, für ihren Mangel an Aufmerksamkeit und Fleiß werden büßen müssen. Denn wir kennen ja unsere Herzen; sind unter uns lauter solche, denen es ein Ernst ist, sich dem Heilande zu unterwerfen? oder sind nicht auch solche unter uns, die die Finsternis lieber haben als das Licht, die wie ein Stein sind, an denen alles verloren ist, was man mit ihnen anfängt?  Nun, o Mensch, denke daran, ob du nicht auch darunter sein könntest! Dann wehe! über die kommt der Tag des Herrn schnell wie ein Blitz. Mit denen wird der Herr ein Wort reden in Seinem Grimm, wenn Er auch vorher Jahre lang Geduld gehabt hat. Er wird dann richten, wohl auch lange durch Gerichte dich zwingen wollen, wenn aber keine Liebe und kein Schlagen etwas fruchten will, so kommt zuletzt ein Tag, der die Gottlosen verderben…

Lukas 17, 20-25.  ─  Seite 9 

…wird, die, die nicht wollten dem Herrn angehören und also nicht sich wollten in Sein Reich einschreiben lassen. Wer solches hört, von dem sollte man nicht glauben, daß er nicht allen Ernst daran wenden wollte, dem einigen Herrn unterthan zu werden. Nun, meine lieben teuren Freunde, so wollen wir denn auch noch am heutigen Tage in unseren Herzen unseren Heiland bitten, daß Er bei uns einkehre. Wir wollen Ihm Bahn machen, Buße thun für unsere Sünden, und an das Evangelium glauben, damit Er komme in unsere Herzen als König und Herr, damit wir einmal, ob nun früher oder später, mögen Freude haben an Seinem Tage. daß auch der Genuß Seines Mahles, Seines Leibes und Blutes denen, die Ihn heute empfangen, möchte dazu mitwirken, daß wir niemandes sein wollen als unseres Heilandes Jesu Christi, des für uns Gekreuzigten. Lasset uns auch anhalten mit Bitten und Flehen, daß der Geist Gottes in diesem neuen Kirchenjahr möchte völliger kommen über viele, damit des Jammers immer weniger werde, und endlich des Herrn Name obenan komme, und über alles Herr werde. Ach , daß solche Gnadenzeit doch endlich kommen und das Warten Seiner Kinder dürfte Freude werden !

Amen.

(gehalten 1853)

Quelle:

Evangelien─Predigten auf alle Sonn= u. Festtage des Kirchenjahres nach dem zweiten Jahrgang der württembergischen Perikopen. Von Joh. Christoph Blumhardt, weiland Pfarrer in Möttlingen und Bad Boll. Karlsruhe. Evangel. Schriftenverein für Baden, Verlags= & Sortimentsbuchhandlung. 1887. Druck von J. J. Reiff in Karlsruhe.

[Seiten 1-9; Digitalisat]


Eingestellt am 14. März 2026