1. Johannes 5, 4 (Hofacker)

Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Johannes 5, 4)

Was heißt denn die Welt überwinden? Das heißt nichts anderes, denn einen Sinn haben, der über alle Dinge der Welt erhaben ist, der nicht darin gefangen ist, sondern los von ihren Ketten, und auch, wenn sie sich an ihn anschmiegen wollen, alle ihre Bande und Stricke entzweireißt durch die Kraft Christi. Nicht, daß man aus der Welt ginge, und sich in eine Einöde zurückziehen oder in sein Kämmerlein verschließen müßte; denn dies wäre nicht überwinden, dies wäre die Flucht ergreifen; und würdest du denn nicht auch in deine Einöde oder in dein Kämmerlein deine innere Welt mitnehmen?

Die Welt überwinden ist etwas ganz andres. Man ist in der Welt, und ist doch nicht darin; man lebt in der Welt, aber man läßt sich doch nicht fangen; man besitzt und besitzt doch nicht; man hat und hat doch nicht; man arbeitet und vertieft sich nicht darin; man sorgt, aber man läßt sein Herz nicht davon beschwert werden; man geht mitten durch ein unschlachtiges und verkehrtes Geschlecht dahin, aber Jerusalem zu; man hält das Wesen dieser Welt für nichts und unter seinen Füßen; man ist Bürger einer höheren Stadt und sucht das Zukünftige. Oder mögen die andern um einen herum treiben, was sie wollen, der Sinn der Christen geht anders wohin; er überwindet im Geist und Glauben weit die alte Nichtigkeit – und so überwindet man Tag für Tag und Jahr für Jahr, und schreitet in der Kraft Gottes als ein Pilgrim und Fremdling, der hienieden keine bleibende Stätte hat, dem oberen Vaterlande zu, wohin die Begierde geht, wohin der Sinn steht, wohin einzugehen man sich sehnt Tag und Nacht; und wenn man ja da oder dort zu Fall gebracht wird, ob auch nur in Gedanken, so richtet man sich wieder auf und fängt aufs neue an, – mit einem Worte: man ist in der Kraft Christi ein unbesiegbarer Streiter, bis der Herr einen erlöst aus allem Streit und aller Not und zu sich nimmt in sein himmlisches Reich.

Das heißt die Welt überwinden, und das ist freilich ein größerer Sieg, als wenn man die ganze Welt durchzöge und eroberte sie durch die Kraft seiner Waffen und das Blut der Menschen. So hat Jesus Christus, unser Heiland, die Welt überwunden: Er war wohl in der Welt, aber er war doch nicht von der Welt. Sie ist habsüchtig und geizig und hält auf irdische Schätze: Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegte; die Welt ist hoffärtig und stolz: Er aber war sanftmütig und von Herzen demütig und erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an; die Welt ist wollüstig und frech: Er aber war heilig und rein und hat nicht das Wohlleben gesucht, sondern hat seinen Tränenlauf durch diese Welt unter Gebet und Flehen mit starkem Geschrei vollendet; die Welt pflegt das Fleisch: Er aber hat sein Fleisch dargegeben; und weil er so mit seinem göttlichen Sinn unbefleckt hindurchgegangen ist durch diese arge Welt und von keiner Versuchung des Satans gefällt wurde, so konnte er sich dem Vater darstellen als ein reines Lamm und Opfer, als einen reinen Hohenpriester; darum konnte er sagen: „Ich habe die Welt überwunden“.

Wie aber Christus in der Welt war, so sollen auch wir in der Welt sein. Zwar werden wir nicht unbefleckt hindurch kommen, denn wir haben das Sündengift in uns von Natur; aber hat er überwunden, so können auch wir durch seine Kraft mehr und mehr überwinden; hat er sein Angesicht stracks nach Jerusalem gewendet, so können und sollen auch wir es so machen; weil er’s getan hat, so haben wir jetzt keine Entschuldigung mehr, wenn wir’s nicht auch tun; denn der Dulder auf Golgatha ist vorangegangen und hat uns Kraft erworben, daß wir können nachfolgen seinen Fußtapfen.

Das ist unsere Pflicht, unsere höchste Schuldigkeit; wer das nicht tut, der geht auf dem breiten Wege dem ewigen Verderben entgegen.

(Ludwig Hofacker)

Quelle:

Glaubensstimme – Andachten zu 1. Johannes 5, 4


Eingestellt am 12. März 2026