Montag.
Hiob 36, 15: „Aber den Elenden wird Er aus seinem Elend erretten, und dem Armen das Ohr öffnen in Trübsal.“
Nun, ihr Elenden, höret ihr es? Glaubet es nur auch und suchet nicht nach falscher Hilfe! Wer in seinem Elend noch einen Zipfel vom Teufel erfaßt und sagt: „Hilf du mir!“ – der kommt noch tiefer hinein, anstatt heraus. Aber wenn einer an den Heiland allein sich hält und alles Finstere und Unheimliche fahren läßt, so ist es der Heiland, der ihn aus dem Elend reißt. Dem Armen wird Er das Ohr öffnen, daß er nämlich gescheit wird und nicht abergläubische und zauberische Sachen treibt, sondern auf die Stimme des Herrn allein hört. Das ist die Hauptsache, daß man im Elend und in der Armut offene Ohren für den Herrn hat; wer sich die Ohren verschließen läßt durch Trübsal, Elend und Armut, der ist verloren. Es ist freilich nicht jeder Mensch so gestellt, daß er wie Hiob ein geöffnetes Ohr hat für den Herrn, aber wünschen möchte man es, daß es allen würde. Es setzt solch ein Wort immer voraus, daß man bereits in ein Verhältnis zum Herrn getreten ist, daß man Seine Offenbarungen kennt, Seine Freundlichkeiten geschmeckt hat, einen Bund mit Ihm gemacht hat, frei Ihn anruft, Seinen Geboten gern nachfolgt, überhaupt alles mit Ihm zu thun und zu lassen mehr oder weniger gelernt hat.
Ein solcher Sinn ist vorausgesetzt, dann kann man wohl sagen: Er wird mich aus dem Elend erretten. Darum ist es von großer Wichtigkeit, daß solche Voraussetzung möchte bei uns allen eingetreten sein. Fragen wir uns daher immer wieder: Sind wir es wert, daß Gott sich unsrer annimmt? Wenn wir uns ansehen, wie bedürftig sieht sich alles an, wie klein, wie armselig! Da dürfen wir wohl bescheiden werden und nicht ohne weiteres solches Wort uns aneignen. Wenn wir aber d a s lernen, mit ganzer Freudigkeit sagen zu können: Der Herr wird mich erretten! – dann haben wir viel gelernt und sind glückliche Leute auch mitten unter dem Elend. Wie aber auch im großen der Herr errettet, werden wir freilich erst ersehen, wenn Er mit Seinen Heilsgedanken über uns und allen Völkern fertig geworden ist. Der liebe Gott kann Seine Kinder nicht fallen lassen, und wenn sie auch arm und elend sind, in Sünde, Not und Tod verstrickt. Was thut eine Mutter mit einem elenden Kind? Sie sorgt noch mehr für dasselbe als für die Gesunden.
So bitten wir denn auch heute: Lieber Heiland, lieber Vater im Himmel, verlaß uns nicht in unsrer Armut! hilf uns in unsrem Elende!
Quelle:
Haus=Andachten für alle Tage des Kirchenjahrs von Joh. Christoph Blumhardt, weiland Pfarrer in Bad Boll. 1. Teil: Betrachtungen nadı alttestamentlichen Texten. Karlsruhe.
Evangel. Schriftenverein für Baden. Verlags= & Sortimentsbuchhandlung. 1886. [S. 107f.; Digitalisat]
Übersicht: Das Buch Hiob – Hiob 36