Abend-Andacht am 8. April

Und nun, Kindlein, bleibet bei Ihm, auf daß, wenn Er offenbart wird, wir Freudigkeit haben, und nicht zu Schanden werden vor Ihm in Seiner Zukunft. (1. Johannes 2, 28)

Johannes hatte die Gläubigen, an die er schrieb, vor Leuten gewarnt, die sich von ihnen getrennt hatten und einer falschen Lehre ergeben waren, welche unter dem Schein einer besonderen hohen Weisheit dem Fleisch zum Sündigen Raum ließ. Er sagte dagegen V. 27: „wie euch die Salbung“, das ist der heilige Geist, mit dem ihr gesalbt seid, von Allem belehret, und wie es auch wahr ist, und keine Lüge ist, ja wie sie euch schon belehret hat, so bleibt bei demselben“.  Hierauf zeigt er aber an, worauf es bei der Lehre der Salbung angesehen sei, und was für ein Zustand bei den Gläubigen daraus entstehen müsse: sie sollten nämlich in Jesu Christo sein und bleiben. Wer da sagt, er bleibe bei demjenigen, was die Salbung lehrt, muß auch in Jesu Christo bleiben, denn der Heilige Geist verklärt Jesum in der Seele, und richtet eine Gemeinschaft mit Gott dem Vater und Seinem Sohn Jesu Christo in derselben an. Durch die Kraft des Heiligen Geistes wird man eine Rebe an Christo, und ein Glied an Ihm als dem Haupt. Man hangt Ihm an, und ist Ein Geist mit Ihm. Die Seele empfindet alsdann mit inniger Zufriedenheit, daß sie nicht mehr ihres eigenen Willens leben könne, nicht mehr ihrer eigenen Lust überlassen sei, nicht mehr von einem jeden Wind der Versuchungen, wie vorher, umgetrieben, aufgetrieben und niedergeworfen werde: Der Heiland, in dem sie ist, hält sie.

Auch bemerkt sie, daß sie als eine Rebe an Christo Frucht bringen könne, und es nicht mehr bei den unkräftigen Vorsätzen und Wünschen bleibe, die Römer 7, 14-23 beschrieben werden. Dieser Zustand nun muß bis ans Ende behauptet werden; und zwar bis auf die herrliche Zukunft des HErrn: weßwegen Johannes sagt: Und nun Kindlein, bleibet in Ihm. Bei dem HErrn Jesu fehlt es in diesem Stück nicht. Er, der, wie der Vater, größer als Alles ist, hält die Seinigen so in Seiner Hand, daß Niemand sie daraus reißen kann; allein durch Unachtsamkeit und Leichtsinn, durch das Belieben an einer ungesunden Lehre, und durch Trennung von der Gemeinschaft der Kinder Gottes könnte man von Ihm nach und nach entfremdet werden; weßwegen die Ermahnung nicht unnötig ist: Kindlein, bleibt in Ihm, auf daß, wenn Er offenbaret wird, wir Freudigkeit haben, und von Ihm nicht beschämt werden bei Seiner Zukunft.  

Wer von dem HErrn Jesu abgewichen ist, hat etwa noch eine falsche Einbildung von sich selbst, und hält seinen Zustand für nicht gefährlich, oder gar für besser als den vorigen, besonders wenn er ihn mit einer falschen Lehre schmücken kann: von dem HErrn Jesu aber werden alle solche Leute bei Seiner Zukunft zu Schanden gemacht werden, wenn Er sie Heuchler, Übeltäter, zweimal erstorbene Bäume u. dgl. nennen, und als solche richten wird. Wer nicht in Mir bleibet, sagt Er Johannes 15, 6, der wird weggeworfen wie eine Rebe, und verdorret, und man sammelt sie, und wirft sie ins Feuer, und muß brennen. Wachsamkeit, Nüchternheit, Gebet, tägliche Aufmerksamkeit auf das Wort Gottes, und eine beständige Verläugnung seiner selbst, eine beständige Enthaltung und Flucht vor der Sünde und der Gelegenheit dazu ist nöthig, wenn man bei Jesu bleiben soll.

Mel.: Valet will ich dir geben.

1. In Jesu will ich bleiben,
Das sei mein fester Sinn;
Von Ihm soll mich nichts treiben,
Bis ich im Himmel bin;
So kann ich freudig stehen
In Seiner Gegenwart,
Wenn wir Ihn kommen sehen,
Daß Er sich offenbart.

2. So wird man nicht zu Schanden
Vor Seinem Angesicht;
Denn nur die Ihn nicht kannten,
Die kennt dort Jesus nicht.
Wenn ich mich Seiner Wunden
Als ein Versühnter rühm‘,
Werd‘ ich in Ihm erfunden
Und bleibe so in Ihm.

3. In Ihm bin ich erwählet
Schon vorher, eh‘ ich war;
In Ihm bin ich gezählet
Zu der beruf’nen Schaar;
In Ihm, in Ihm alleine
Bin ich gerecht geacht’t;
In Ihm hoff‘ ich dieß Eine,
Daß Er mich herrlich macht.

4. HErr ! bleibe Du beständig
Mit Deiner Kraft in mir,
So macht mich nichts abwendig,
Und bleib‘ ich stets in Dir;
So darf ich mich nicht grämen,
Wenn Du Dich offenbarst;
Du wirst mich nicht beschämen,
Weil Du ja in mir warst.

Liedtext: Philipp Friedrich Hiller (1699-1769)

Quelle:

Abend-Andacht am 8. April, in: M. Magnus Friedrich Roos, württ. Prälaten zu Anhausen Christliches Hausbuch, welches Morgen= und Abend=Andachten auf jeden Tag des ganzen Jahres nebst beigefügten (Hiller’schen) Liedern enthält. Nebst einem Anhange von weiteren Gebeten für zwei Wochen und für einige besondere Fälle. Mit dem Lebensabriß des sel. Verfassers, eingeleitet von seinem Urenkel Repetent Fr. Roos. Mit einem Stahlstich. Stuttgart, 1860. Druck und Verlag von J. F. Steinkopf, Seite 278f. [Digitalisat]


Eingestellt am 18. März 2026