Die Entrückung, der Abfall und der Antichrist (Norbert Lieth)

In 1. Thessalonicher 4, 13-18 (Entrückung) ging der Apostel Paulus bereits auf ein Problem der Thessalonicher ein. Dort handelte es sich um die Frage, was mit den Verstorbenen in Christus geschieht, wenn er wiederkommt. Ihre Frage war offensichtlich, ob diese die Ankunft des Herrn fürdie Gemeinde verpassen und bis zum Jüngsten Tag warten müssen. Darauf antwortet der Apostel: «Ich will euch aber, Brüder, nicht in Unwissenheit lassen über die Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben» (1. Thess. 4, 13).

Paulus klärte die Thessalonicher im Folgenden über die herrliche Erwartung ihrer Auferstehung und Entrückung zum Herrn auf. Des Weiteren hat er die Frage beantwortet, wann das geschehen würde. Er schreibt ihnen, dass sie nicht zum Zorngericht bestimmt sind, zum Tag des Herrn. Sie sind nicht in der Finsternis und gehören nicht der Nacht des Gerichtes an, weil sie Kinder des Lichts sind.

Nun tat sich ein anderes Problem auf, das die vorangegangenen Aussagen infrage stellten. Durch falsche Briefe, die angeblich von den Aposteln stammen sollten, wurden Zweifel gesät. Die Thessalonicher nahmen an, dass die Drangsale und Verfolgungen, die sie erduldeten, bereits der Zorn Gottes wären und sie sich dementsprechend in der grossen Trübsal befänden.

John MacArthur bringt das nachvollziehbare Argument: «Wenn sie davon ausgegangen wären, dass die Entrückung erst nach dem Tag des Herrn geschähe, dann hätten sie sich gefreut, dass Christi Wiederkunft nahe sei» (Studienbibel: «direkt beeinflusst durch die Macht Satans», Anmerkung zu 2, 2). Auch deshalb schreibt Paulus den zweiten Brief. In Kapitel 1 hat er ihnen dargelegt, dass sie Ruhe haben werden, und zwar gerade in der Zeit, wenn Gott Gericht übt (2. Thess 1, 7). In der Zorneszeit werden sie mit dem Herrn zusammen sein und bei der Offenbarung des Herrn mit Ihm zusammen verherrlicht werden. Demnach können ihre jetzigen Bedrängnisse nicht die Drangsale des Tages des Herrn sein. Dies erläutert er ihnen nun näher.

«Wir bitten euch aber, ihr Brüder, wegen der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus und unserer Vereinigung mit ihm» (2. Thess 2, 1).

Die Hoffnung für Alle übersetzt: «Ihr wisst, liebe Brüder und Schwestern, dass unser Herr Jesus Christus kommen wird. Wenn es so weit ist, wird Gott uns von überall her versammeln, um ihm entgegenzugehen. Wir bitten euch nun aber»  – Neues Leben Bibel: «… wie wir alle versammelt werden, um ihm entgegenzugehen …» – Neue Genfer Übersetzung: «… dass Jesus Christus, unser Herr, wiederkommt und dass wir dann mit ihm zusammengeführt werden.»

Dieser Vers macht deutlich, dass es sich um die Wiederkunft Jesu für die Gemeinde und deren Entrückung handelt, die Paulus in 1. Thessalonicher 4, 17 bereits dargelegt hatte. Das steht ganz im Einklang mit 1. Thessalonicher 4, 17: «Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zusammen mit ihnen entrückt werden in Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn, in die Luft, und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.»

Bezüglich dieser Entrückung waren die Thessalonicher verwirrt, weil man sie glauben machen wollte, dass der Tag des Herrn bereits da sei. Nun konnten sie die Vereinigung mit ihm nicht mehr richtig einordnen. Der Apostel will sie nun beruhigen.

Der Tag ist noch nicht da

«Lasst euch nicht so schnell in eurem Verständnis erschüttern oder gar in Schrecken jagen, weder durch einen Geist noch durch ein Wort noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief, als wäre der Tag des Christus schon da» (2. Thess. 2, 2).

Das Wort «erschüttern» kann auch mit «bestürzen» übersetzt werden. John MacArthur schreibt dazu: «Dieser Begriff wurde für ein Erdbeben verwendet (Apg. 16, 26) sowie für ein Schiff vor Anker, das bei einem heftigen Sturm von seinem Ankerplatz weggerissen wird. Zusammen mit dem Begriff ‹in Schrecken jagen› beschreibt es einen Zustand des Aufruhrs und der Angst, der die Gemeinde erfasst hatte. Die Gläubigen waren in grosser Sorge» (Studienbibel, Anmerkung zu 2, 2).

Der Apostel tröstet die junge Gemeinde mit der Aufforderung, einen festen Stand zu behalten, sich nicht verunsichern oder aus den Angeln heben zu lassen:
«Weder durch einen Geist noch durch ein Wort noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief, als wäre der Tag des Christus schon da» (2. Thess  2, 2).

«… weder durch einen Geist …» (2. Thess 2, 2).

Die Aussage, dass der Tag schon da sei, entsprang unmissverständlich einem falschen Geist. Vielleicht waren es falsche Propheten, die es in der damaligen Zeit gab und die in einem falschen Geist auftraten. «Als sie die Insel bis nach Paphos durchzogen hatten, trafen sie einen Zauberer und falschen Propheten an, einen Juden namens Bar-Jesus» (Apg 13, 6). «Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen» (1. Joh. 4, 1; vgl. auch 2. Kor. 11, 4; Gal. 1, 6-9). Vielleicht war es aber auch einfach nur eine falsche
geistliche Haltung, die einige einnahmen. «… noch durch ein Wort …» (2. Thess  2, 2). Das könnte sich auf Predigten (Botschaften) beziehen oder auf Diskussionen, die gehalten wurden.

«… noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief …» (2. Thess  2, 2).

Hierbei handelt es sich um bewusst herbeigeführte Fälschungen, die im Umlauf waren. Darum schreibt Paulus auch gegen Schluss seines Briefes: «Der Gruss mit meiner, des Paulus, Hand, dies ist das Zeichen in jedem Brief, so schreibe ich» (3, 17).

«… als wäre der Tag des Christus schon da» (2. Thess 2, 2).

Die wahrscheinlich besseren Textquellen und meisten deutschen Übersetzungen übersetzen nicht «Tag des Christus», sondern «Tag des Herrn». Gaebelein schreibt in seinem Bibel-Kommentar dazu: «Die Authorized Version (auch Lth 1545 und 1912) hat hier die irreführende Lesart ‹der Tag Christi›».  Der Kommentar zum Neuen Testament Was die Bibel lehrt (Hänssler, Dillenburg) sagt, dass die Aussage «Tag des Christus» sämtlichen ältesten Handschriften widerspräche und sie deshalb diese Darstellung ohne zu zögern verwerfen. Abgesehen von der Übersetzung (selbst wenn wir «Tag des Christus» stehenlassen) wird aus dem Zusammenhang deutlich, dass auf jeden Fall der Gerichtstag gemeint ist, nicht die Entrückung. Darüber waren die Thessalonicher bestürzt, darin bestand ihre Angst. Sie dachten, der Gerichtstag des Herrn sei gekommen. Die Verse in Kapitel 1, 7-10 sprechen von der sichtbaren Offenbarung des Herrn vom Himmel her. Von dem flammenden Feuer der Vergeltung» am Tag des Herrn. Von Strafe und Verderben vor seinem Angesicht und der Herrlichkeit seiner Kraft. Von dem Tag, wenn er kommt, um bewundert zu werden von denen, die geglaubt haben. Wäre die Entrückung gemeint, so stünden diese und die nachfolgenden Aussagen im Widerspruch zu dem, was Paulus vorher den Thessalonichern mitgeteilt hat: Sie sind nämlich nicht zum Tag des Zornes gesetzt (1. Thess.  1, 10; 5, 9). Sie gehören nicht zur Nacht des Gerichtes. Der Tag kann sie nicht «überfallen wie ein Dieb in der Nacht» (1. Thess 5, 4). Dieser Tag ist für die Ungläubigen bestimmt (vgl. Eph. 5, 6; Kol. 3, 6). Der Tag Christi im Sinne der Entrückung hätte sie zur bevorstehenden Befreiung ermutigt und sie keinesfalls erschüttert.

Der grosse Abfall

«Lasst euch von niemand in irgendeiner Weise verführen! Denn es muss unbedingt zuerst der Abfall kommen und der Mensch der Sünde geoffenbart werden, der Sohn des Verderbens» (2. Thess 2, 3).

Sie lebten also keinesfalls bereits im Tag des Herrn, dieser ist noch zukünftig. Sie sollten sich also weder erschüttern (2, 2) noch erschrecken (2, 2) und nicht verführen lassen (2, 3). Während es für die Entrückung keine Zeichen gibt, gibt es derer viele für die sichtbare Offenbarung des Herrn. Eines dieser Zeichen ist der kommende grosse Abfall und das Auftreten des Antichristen. «Es muss unbedingt zuerst der Abfall kommen und der Mensch der Sünde geoffenbart werden, der Sohn des Verderbens» (2. Thess 2, 3). Ich bin der Meinung, dass der Abfall und der Mensch der Sünde als ein zusammenhängendes und plötzlich auftretendes Ereignis gesehen werden sollte. Einerseits bricht der Abfall dem Antichristen die Bahn, doch andererseits bewirkt er selbst den grossen Abfall. Es geht plötzlich und Hand in Hand. Ähnlich wie die Übergabe einer Stafette. Die Reihenfolge ist meines Erachtens wie folgt: Wenn die Vollzahl der Nationen in den Leib Christi eingegangen ist, wird die Gemeinde entrückt (vgl. Röm 11, 25). Danach findet der Abfall und das Auftreten des Antichristen statt. Dies wiederum führt zum Tag des Herrn, des Gerichtes Gottes, der Entfaltung seines Zornes und zur Wiederkunft Jesu in Herrlichkeit.

Was ist der Abfall und wen betrifft er? Die wahre Gemeinde Jesu kann nicht von Gott abfallen, denn sie ist mit dem Heiligen Geist versiegelt (vgl. Eph 1, 13; 4, 30). Sie ist ein
unverlierbares Eigentum des Eigentümers, wofür er sich mit seinem Siegel verbürgt.

«Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn» (Röm 8, 38.39).

«Ob wir nun leben oder sterben, wir gehören dem Herrn» (Röm 14, 8). «Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verlorengehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reissen. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist grösser als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters reissen. Ich und der Vater sind eins» (Joh. 10, 28-30).

Die Namenschristenheit kann in dem Sinn abfallen, dass die Kirchen von ihren ehemals biblischen Glaubensgrundsätzen Abstand nehmen. Aber dergleichen begann bereits sehr früh. Paulus warnte damals schon im 1. Timotheusbrief: «Der Geist aber sagt ausdrücklich, dass in späteren Zeiten etliche vom Glauben abfallen und sich irreführenden Geistern und Lehren der Dämonen zuwenden werden» (1. Tim  4 ,1). «Spätere Zeiten» ist nicht gleichzusetzen mit Endzeit. Das will sagen, dass der Abfall vom Glauben bereits sehr früh begann, bereits während und nach der apostolischen Zeit.

Hier aber spricht Paulus von einem endzeitlichen, eher abrupten Abfall, der im direkten Zusammenhang mit der Zeit des Antichristen steht. Das könnte sich auf ehemals christliche Kontinente beziehen, die das Vorrecht hatten, christianisiert zu sein und über zwei Jahrtausende das Christentum und die Entfaltung der Bibel unter sich hatten. Eine Welt, die auf dem Christentum und biblischen Grundsätzen aufgebaut und gestützt war, die sich daraus entwickelte. Später sagt Paulus von ihnen, dass sie die Liebe
zur Wahrheit abgelehnt haben (vgl. 2. Thess 2, 10.12).

«Alles was wir tolerieren, wird uns dominieren» (unbekannt). Eine Namenschristenheit gibt am Ende der Tage dem Antichristen über alle Bereiche die Macht. Damit ist der Abfall im eigentlichen, tiefgründigen Sinn gekommen. «Diese haben einen einmütigen Sinn, und sie übergeben ihre Macht und Herrschaft dem Tier» (Offb. 17, 13).

Aber noch eine weitere Gruppe kann gemeint sein: Israel. Der grösste Teil Israels ist zwar geistlich nicht wiedergeboren, dennoch hat er ein besonderes Verhältnis zu Gott. Sie haben das Gesetz, das Wort und eine besondere Erwählung. Zudem existiert wieder ein jüdischer Staat. «Die Israeliten sind, denen die Sohnschaft und die Herrlichkeit und die Bündnisse gehören und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheissungen; ihnen gehören auch die Väter an, und von ihnen stammt dem Fleisch nach der Christus, der über alle ist, hochgelobter Gott in Ewigkeit. Amen!» (Röm. 9, 4.5).

Im 2. Thessalonicherbrief ist vom Tempel die Rede, von dem Geheimnis der Gesetzlosigkeit, von Gegenständen der Verehrung und von dem Menschen der Sünde, der in anderen Übersetzungen auch «der Mensch der Gesetzlosigkeit» genannt wird. Es ist die Rede von betrügerischen Kräften, Zeichen und Wundern und von der Wahrheit, die abgelehnt wird. Das alles sind Hinweise auf das Judentum. Ihnen gehört das im Römerbrief Kapitel 9 Erwähnte: die Sohnschaft. Sie haben das Gesetz, den Tempel und die sich darin befindenden Gegenstände der Verehrung. Sie fordern Zeichen (vgl. Matth. 12, 38; 1. Kor. 1, 22). Ihnen wird in der Drangsal nochmals das Evangelium verkündet (vgl. Matth. 24, 14; Offb. 14, 6).

Das zukünftige Judentum könnte dem Antichristen Raum geben. Es könnte zu einem Wiederaufbau des Tempels kommen, in den sich der Antichrist hineinsetzt und in dem der Gräuel der Verwüstung aufgerichtet wird (vgl. 2,4; Dan. 9, 27). Viele werden ganz im Sinn von 2. Thessalonicher 2, 10-12 die angebotene Gnade nicht annehmen und nach Daniel 9, 27 ein Bündnis mit dem Antichristen eingehen. Das würde den Abfall im absoluten, antichristlichen Sinn bedeuten. Somit wird ein Teil Israels selbst eine antichristliche Rolle spielen. Jesus sagt in Matthäus 24 über jene Zeit: «Es werden viele falsche Propheten auftreten und werden viele verführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. Und dieses Evangelium vom Reich wird in der ganzen Welt verkündigt werden, zum Zeugnis für alle Heidenvölker, und dann wird das Ende kommen. Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde, an heiliger Stätte stehen seht. Wer es liest, der achte darauf!» (Matth. 24, 11-15).

Wir sehen hier also ganz eindeutige Parallelen. Selbstverständlich wird die ganze Welt mitbetroffen sein. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass der Herr damals zuerst Israel
meinte, als er über die Endzeit auf dem Ölberg sprach. Es ging dabei um sein Volk, um seine Wiederkunft zurück nach Israel, um sein Königreich, das in Israel etabliert wird, und
um die Verhältnisse, die in Israel während der letzten Zeit herrschen werden. – Ich möchte diesbezüglich etwas näher auf Sacharjas siebtes prophetisches Nachtgesicht eingehen.

«Der Engel, der mit mir redete, trat hervor und sprach zu mir: Erhebe doch deine Augen und sieh, was da herauskommt! Ich aber fragte: Was ist das? Und er antwortete: Das ist ein Epha, das da hervorkommt. Und er fügte hinzu: Darauf ist ihr Auge gerichtet überall auf der Erde. [ELB: «Das ist ihr Aussehen im ganzen Land.»] Und siehe, da erhob sich eine Scheibe von Blei, und eine Frau sass drinnen im Epha. Da sprach er: Das ist die Gesetzlosigkeit! Und er stiess sie wieder in das Epha hinein und warf das Bleigewicht auf dessen Öffnung. Und ich erhob meine Augen und schaute; und siehe, da kamen zwei Frauen hervor, und der Wind blies in ihre Flügel – denn sie hatten Flügel wie Störche –, und sie hoben das Epha empor zwischen Himmel und Erde.  Da fragte ich den Engel, der mit mir redete: Wohin bringen diese das Epha? Er antwortete mir: Es soll ihm ein Haus gebaut werden im Land Sinear, [d.i. Babylon; Anmerkung des Autors] und wenn dieses Haus aufgerichtet ist, so wird das Epha an seinem Ort hingestellt werden» (Sach. 5, 5-11).

Ein böses, antichristliches System wird als Frau dargestellt. Dieses System wird als die Gesetzlosigkeit beschrieben. Und dieses System wird seine Hauptstadt in Babylon haben. In Offenbarung 17 finden wird eine Frau als Hure bezeichnet. Diese personifiziert die Gottlosigkeit bzw. Gesetzlosigkeit. Über sie heisst es, dass sie die Hure Babylons ist. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Hure nicht Rom bezeichnet, sondern den abtrünnigen Teil Israels in der Endzeit, der mit dem Antichristen geht. «Das ist ihr Aussehen im ganzen Land» (Sach. 5, 6; ELB). Dieser Teil wird die «Frau des Antichristen» sein, sozusagen mit ihm ein Fleisch werden. Demgegenüber steht die Braut des Lammes, die Frau des Messias, der gläubige Überrest des jüdischen Volkes.

Sowohl die alttestamentlichen Prophezeiungen als 6uch die Endzeitrede Jesu, dann die Aussagen von Paulus über die Endzeit und schliesslich die Offenbarung gehen alle in dieselbe Richtung und ergänzen sich gegenseitig. Jesus sagt, dass die Gesetzlosigkeit überhand nimmt und die Liebe in vielen erkaltet. Paulus redet vom Auftreten des Gesetzlosen und Ablehnen der Liebe zur Wahrheit. In der Offenbarung sehen wir die Gesetzlosigkeit wirken und das Fehlen der Liebe.

Die drei Bezeichnungen des Antichristen lauten:

    • der Mensch der Sünde,
    • der Sohn des Verderbens und
    • der Gesetzlose

(2. Thess. 2, 3.8).

Der Mensch der Sünde

Der Mensch wird allgemein «Mensch Gottes» genannt, dieser aber ist der Mensch der Sünde. Jeder Mensch ist ein Sünder, aber er ist der Mensch der Sünde. Der Mensch wurde am sechsten Tag erschaffen; sechs ist die Zahl desMenschen. Die Zahl des Menschen der Sünde aber ist 666.

«Hier ist die Weisheit! Wer das Verständnis hat, der berechne die Zahl des Tieres, denn es ist die Zahl eines Menschen, und seine Zahl ist 666» (Offb. 13, 18). Es handelt sich um die Sünde in ihrer höchsten Potenz, deren Kommen aufgrund der Wirkung des Satans erfolgt (2. Thess 2, 9).

Der Sohn des Verderbens

Wir leben in einer durch die Sünde verdorbenen Welt. Aber der Mensch der Sünde wird sie vollends verderben. «Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu verderben; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es im Überfluss haben» (Joh. 10, 10). Mit der Bezeichnung «Sohn des Verderbens» wird auf die Identifikation mit dem Satan als dem Menschenmörder von Anfang an und Vater der Lüge hingewiesen (Joh. 8, 44). Dem Antichrist wird seine Kraft und Macht direkt vom Satan übertragen (2. Thess 2, 9). «Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und grosse Vollmacht» (Offb. 13, 2). «Ich sah ein anderes Tier aus der Erde aufsteigen, und es hatte zwei Hörner gleich einem Lamm und redete wie ein Drache. Und es übt alle Vollmacht des ersten Tieres aus vor dessen Augen und bringt die Erde und die auf ihr wohnen dazu, dass sie das erste Tier anbeten, dessen Todeswunde geheilt wurde. Und es tut grosse Zeichen, sodass es sogar Feuer vom Himmel auf die Erde herabfallen lässt vor den Menschen. Und es verführt die, welche auf der Erde wohnen, durch die Zeichen, die vor dem Tier zu tun ihm gegeben sind» (Offb. 13, 11-13).

So wie Jesus der «Sohn Gottes» ist, der Sohn aller Barmherzigkeit und Rettung, so ist der Antichrist der «Sohn des Verderbens» im satanischen Sinn. Der Satan selbst wird deshalb auch «Sohn der Morgenröte» genannt. «Wie bist du vom Himmel herabgefallen, du Glanzstern, Sohn der Morgenröte! Wie bist du zu Boden geschmettert, du Überwältiger der Nationen!» (Jes. 14, 12). Der Teufel wird sich im Antichristen manifestieren. Er wird als Sohn der Morgenröte auftreten (vgl. Jes. 14, 12) und sich in Gleichgestalt Jesu darstellen, welcher der «helle Morgenstern» (vgl. 2. Petr. 1, 19; Offb. 22, 16) und die «Sonne der Gerechtigkeit» ist (vgl. Mal. 3,20; Luk. 1, 78).

Judas, der Jesus verriet, wird ebenso als «Sohn des Verderbens» bezeichnet: «Als ich bei ihnen in der Welt war, bewahrte ich sie in deinem Namen; die du mir gegeben hast, habe ich behütet, und keiner von ihnen ist verlorengegangen als nur der Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt würde» (Joh. 17, 12). Judas steht in seiner Person als Räuber (vgl. Joh 12, 6) und Verräter für ein buchstäblich antichristliches Beispiel. Barabbas (Luk. 27, 21), der anstelle von Jesus freigegeben wurde, war ein Verbrecher (Verderber). Barabbas war es, «der im Aufruhr einen Mord begangen hatte» (Mark. 15, 7) und heisst übersetzt «Sohn des Vaters».

In der Geschichte Jonas gibt es verschiedene Hinweise, die wir bildlich, prophetisch, im richtungsweisenden Sinn verstehen können. So wird die Rizinusstaude als «Sohn einer Nacht» bezeichnet.

«Der Herr sprach: Du bist betrübt wegen des Rizinus, um den du dich nicht gemüht und den du nicht grossgezogen hast, der als Sohn einer Nacht entstand und als Sohn einer Nacht zugrunde ging» (Jona 4, 10; ELB).

Der Antichrist wird in der Nacht der grossen Trübsal plötzlich aufkommen, aber auch zugrunde gehen (vgl. 1. Thess. 5). Für einen Augenblick freute sich Jona über die Staude und den Schatten, den sie brachte. «Jona freute sich sehr über den Rizinus» (Jona 4, 6). Doch kurze Zeit später wurde er darüber zuerst betrübt, dann zornig und wünschte
sich den Tod.

Jona ist ein Schattenbild auf den himmlischen Jona (Jesus), der auch einst in einem Boot schlief und durch Seinen Gehorsam Vollmacht über den Sturm hatte. Der Rizinusstrauch brachte Schatten für eine Nacht (vergänglich). Schatten ist nie das Original. Der Schatten eines Gebäudes ist nie das Gebäude selbst, ebenso der eines Menschen oder eines Baumes. Der Antichrist wird nur einen kurzweiligen «Schattenfrieden» bringen (vgl. 1. Thess 5, 3), das Original des Friedens ist Jesus.

Jona steht im prophetischen Gleichnis für das Volk Israel. Jona war auf der Flucht vor Gott, ärgerte sich über die Bekehrung Ninives und befand sich im Zustand der Rebellion
gegen den Herrn. Er geriet in das «Meer der Nationen» und wurde vom Fisch zurückgespien an das Land, von dem er aus geflüchtet war. Später freut er sich über den Schatten der Rizinusstaude und nicht über das, was der Allerhöchste ihm geben kann. So wird es Israel ergehen. Sie suchen den Schatten des falschen Friedens, Erquickung am falschen Ort, und sie werden das kurzweilig im Antichristen erhalten. Doch wird die Qual (wie bei Jona) nachher umso grösser sein

Jona wünschte sich den Tod. Er wurde zornig bis zum Tod und sehr betrübt (Jona 4, 7-10). In einer Erklärung über den Rizinus heisst es: «Rizinus … ein sehr schnell wachsendes Wolfsmilchgewächs. Die gewöhnlich pfannengrossen Blätter können bis zu einem Meter breit werden und ähneln in der Form denen der Rosskastanie. Aus der mit
Stacheln besetzten Kapselfrucht wird das bekannte Öl gewonnen. Rizinusöl wirkt abführend. Das Extrakt Rizin ist tödlich, es gehört zu den giftigsten Proteinen, die in der
Natur vorkommen.»

Der Antichrist
• wird schnell aufkommen.
• wird ein Wolf im Schafspelz sein.
• ist umgeben von Stacheln.
• bringt ein anderes Öl als Jesus (Ölbaum).
• wirkt nur für kurze Zeit («eine Nacht»).
• bringt in dieser Zeit einen kurzweiligen Schatten, der sich ins Verderben wendet und den Tod bringt.

Der Gesetzlose

Der Antichrist wird die Gesetzlosigkeit in Person sein. Wenn hier vom Gesetz die Rede ist, dann denken wir an die Thora, aber auch an die gesamte Heilige Schrift. Er wird sich gegen das Gesetz stellen, das den Juden gegeben ist. Er wird den Gott der Juden direkt angreifen. David Stern übersetzt: «Wenn der Abfall (Aufstand) gekommen ist und mit ihm der Mensch, der sich selbst von der Thora entfernt …»
«Die Israeliten sind, denen die Sohnschaft und die Herrlichkeit und die Bündnisse gehören und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheissungen» (Röm. 9, 4).

Nach Vers 4 widersetzt und überhebt er sich über alles, was Gott oder Gegenstand der Verehrung (Gottesdienst) ist. Wenn der Herr Jesus in Seiner Endzeitrede darauf hinwies, dass die Gesetzlosigkeit überhandnehmen und die Liebe in vielen erkalten wird (Mt 24, 12), dann findet das seine Erfüllung in der Person und dem Handeln des Antichristen und seiner Generation. Der Gesetzlose tritt auf und bringt die Gesetzlosigkeit (2. Thess. 2, 4.7.8). Die Liebe zur Wahrheit wird abgelehnt (2, 10). Vers 7 macht darauf aufmerksam, dass das Geheimnis der Gesetzlosigkeit schon am Wirken, jedoch noch nicht durchgebrochen ist. Durchbrechen wird es erst mit ihm selbst. Eine weitere Parallele finden wir beim Propheten Daniel. Dieser schreibt über den Antichristen: «Er wird sich auch nicht um den Gott seiner Väter kümmern, noch um die Sehnsucht der Frauen, überhaupt um gar keinen Gott, sondern gegen alle wird er grosstun» (Dan. 11, 37).

Der Antichrist könnte durchaus ein Jude sein, der den Gott seiner Väter (Abraham, Isaak, Jakob) nicht ehrt und die Sehnsucht der Frauen (d.i. der Messias) ebenso nicht ehrt und gegen alle und alles grosstut. Es ist auch denkbar, dass die Juden sich nicht auf einen heidnischen Messias einlassen würden.

Dieser Antichrist tritt nach Vers 9 aufgrund der Wirksamkeit des Satans in Erscheinung und dieser ist natürlich das vollkommene Gegenteil von der Wahrheit des Wortes Gottes. So wird er auch bestrebt sein, diejenigen zu verführen, die die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben.

Jede Abkehr vom Wort Gottes, jede Liberalität, jedes Abschwächen, Erniedrigen oder Verunglimpfen des Wortes Gottes ist im Kern antichristlich und birgt das Geheimnis der Gesetzlosigkeit bereits in sich. Man kehrt sich von der Liebe zur Wahrheit ab und die Lüge nimmt deren Platz ein.

(Norbert Lieth)

Auszug aus: So tröstet einander mit diesen Worten: 1. Thessalonicher, 2. Thessalonicher,
S. 199ff. Abgedruckt in: Mitternachtsruf, Ausgabe März 2026, S. 26-31 [pdf © 2026 Missionswerk Mitternachtsruf, www.mnr.ch


Eingestellt am 20. Februar 2026 – Letzte Überarbeitung am 22. Februar 2026