Matthäus 9, 6

Damit ihr aber wisset, daß der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben – hier wendete er sich zu dem Gelähmten – stehe auf, nimm dein Bett und gehe heim. (Matth. 9, 6)

„Gott hat bezeugt, daß er selbst Sünden vergibt und die Ungerechtigkeiten der Menschen tilgt durch Christus, der für die Sünden der Menschen starb. So lautet das Zeugnis des Glaubens, daß er das Lamm Gottes ist, welches die Sünden wegnimmt und der Welt vergibt; er allein hat in sich das Recht, Sünden zu vergeben, weil er selbst zugleich Gott und Mensch ist. Deshalb starb er als Mensch für Sünden und brachte sich selbst Gott am Kreuz als Sündopfer dar. So erreichte Gott durch ihn und seine Leiden die Vergebung der Sünden der Welt.

Und so hat er allein Macht und Recht, den Menschen ihre Sünden zu vergeben. Der Hohepriester (der Papst), der sich mit höchstem Gepränge über alles erhebt, was Gott heißt, hat wie ein Räuber die Hände auf diese Rechte Christi gelegt. Er hat die Pilgerfahrt nach Rom eingesetzt, durch die Sünden getilgt werden sollen. Deshalb kommen trunkene Horden aus allen Ländern zusammen, und er, der Vater alles Bösen, teilt von einem erhöhten Platz seinen Segen an diese Horden aus, daß sie die Vergebung aller Sünden und Befreiung von jeglichem Gericht erlangen. Er errettet von Hölle und Fegefeuer, und es gibt gar keinen Grund mehr, weshalb irgend jemand dorthin gelangen sollte.

Er schickt auch Zettel in alle Lande – gegen Geld -, welche Befreiung von allen Sünden und Strafen zusichern; man braucht sich gar nicht der Mühe zu unterziehen, zu ihm zu pilgern, man braucht nur Geld zu schicken, und alles ist vergeben. Was dem Herrn zusteht, nimmt dieser Beamte für sich in Anspruch, er erhält das Lob, das dem Herrn gebührt, und wird reich durch den Verkauf solcher Dinge. Was bleibt denn für Christus zu tun übrig, wenn sein Beamter uns von allen Sünden und vom Gericht befreit und uns gerecht und heilig machen kann? Nur unsre Sünden stehen unsrer Errettung im Wege. Wenn der Hohepriester sie alle erläßt, was soll der arme Herr Jesus tun? Warum mißachtet die Welt ihn so sehr und sucht ihr Heil nicht bei ihm?

Einfach aus dem Grunde, daß der Hohepriester ihn mit seiner Majestät in den Schatten stellt und ihn in der Welt verdunkelt, während er selbst, der Hohepriester, einen großen Namen und beispielloses Ansehen in der Welt hat. So bleibt der Herr Jesus, schon gekreuzigt, weiter das Gespött der Welt, der Hohepriester allein ist in jedermanns Mund, und die Welt sucht und findet ihr Heil in ihm.“

Petr Chelčický: Das Netz des Glaubens (1440)

Petr Chelčický (deutsch: Peter von Cheltschitz), auch Peter von Záhorka, (* wahrscheinlich um 1390 in Chelčice bei Vodňany; † um 1460 in Chelčice) war ein tschechischer Laientheologe, Reformator und Schriftsteller. Er gilt als geistiger Vater der Unität der Böhmischen Brüder (Jednota bratrská/Unitas Fratrum).

Quelle: Glaubensstimme – Christliche Texte aus 2000 Jahren