Matthäus 11, 5.6

“Die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt. Und selig ist, der sich nicht an mir ärgert.” (Matthäus 11, 5-6)

Selig ist, spricht der Herr, wer sich nicht an Mir ärgert! Viele ärgern sich nicht an Ihm, weil sie Ihn nicht kennen, und auch nicht suchen, Ihn kennen zu lernen. So wenig liegt dem Menschen an seinem Heiland und an seinem Heil. Viele ärgern sich darum nicht an Ihm, weil sie statt des lebendigen, eigentlichen und wahrhaftigen Christus ein selbstgemachtes Gedankenbild von Gott und von Seinem Sohn Jesu Christo vor Augen haben. An solch bloßem Bild mag sich Niemand ärgern. Aber an dem rechten, wahrhaftigen Christus ärgert sich das Menschenherz leicht. Ja, das Herz, sofern keine Gnade und Geist Gottes darin ist, steckt voll Ärgernis an Jesu. Da ärgert man sich an Seinem Wort, an Seiner heiligen Person, die wahrer Gott und wahrer Mensch ist, an Seinem Prophetenamt, besonders auch an Seinem Hohenpriester- und Königsamt; man ärgert sich an Seinen Werken, an Seinem Reich.

Wohl der Seele, welche diese Gefahr bei sich erkennt und überwindet und sich nicht ärgert, vielmehr ein herzliches Wohlgefallen an den Werken Christi findet, daß Er die Blinden sehend macht, die Lahmen gehend, die Aussätzigen rein, die Toten lebendig und den Armen das Evangelium predigt. Sind das nicht Werke Christi, die ebenso herrlich als notwendig sind? Denn wie taub sind wir, Daß wir die einfachste Wahrheit von Tod, Gericht und Ewigkeit nicht recht hören! Wie blind, daß wir unser Verderben, nämlich die Sünde wider den heiligen Gott nicht erkennen, noch unser rechtes Heil, die Vergebung der Sünden! Wie arm!

Denn alles, was wir sehen und haben, kann uns nicht reich machen und keine Freude geben, die Herz, Leib und Seele erfreut. Wie arm an wahrer Furcht vor Gott, an wahrer Liebe, an wahrem Vertrauen! Ei, wie lieb sollen uns darum die Werke Jesu sein, eben diese Werke, die Er Selber anzeigt und noch ausrichtet durch Seinen heiligen Geist in Nachtmahl, Taufe und Wort. Darum sollst du Ihn willkommen heißen und auch nicht bange sein vor dem Engel, d. h. dem Boten, der vor Ihm hergeht. Das war damals Johannes der Täufer, ein rechter Knecht Gottes, standhaftig, ernsthaft, mit Wenigem zufrieden, redlich, offenherzig. Dieser Bote, der dem Herrn jetzt noch den Weg bereitet, ist die heilsame, gründliche, wahrhaftige Predigt der Buße, welche dir den Untergang und das Ende aller Dinge und deine große Verdammnis und Armseligkeit zeigt.

Wo dieser Engel vorangeht und Raum gewinnt – wie willkommen ist da Jesus, der den Armen das Evangelium, nämlich die wahrhaftige Gnade Gottes und allen Segen bringt.

Herr, laß mich selig werden, damit daß ich mich nicht an Dir ärgere, sondern nach Dir verlange und an Dir meine Lust habe!

Aus dem Hausbuch: Tägliche Andachten für die Hausgemeine, bearbeitet von Th. Schmalenbach, Berlin 1877

Gebet

Ach gnädiger und barmherziger Herr Jesu Christe! Du hast Dich genugsam durch Propheten und Wunder erwiesen, daß Du allein der wahre Messias bist, der da kommen sollte, darum wir auch all unser Vertrauen auf Dich allein setzen. Wir danken Dir für Dein tröstliches Evangelium und wahre Erkenntnis und bitten Dich, Du wollest uns dabei gnädiglich erhalten, daß wir uns an Dir nicht ärgern noch durch Wohlleben oder Verfolgung von Dir weichen, der Du alleine der Welt Heiland bist. Amen.

Ach mache du mich Armen
zu dieser hei’lgen Zeit
aus Güte und Erbarmen,
Herr Jesu, selbst bereit.
Zeuch in mein Herz hinein,
mach es zu deiner Krippen,
so werden Herz und Lippen
dir allzeit dankbar sein.

(Lüneburg 1657)