Johannes 4, 34.35

Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk. Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, so kommt die Ernte? Siehe, ich sage euch: Hebet eure Augen auf und sehet in das Feld; denn es ist schon weiß zur Ernte.

Ihr werdet sagen, wenn das erst ein weißes, zur Ernte reifes Feld sei, was denn die Ernte, das  g e e r n t e t e  Feld sei? Nun, wir haben es schon angedeutet. Es ist nicht genug, daß man sich seinen Schaden sagen und aufdecken lasse: man muß ihn auch  h e i l e n  lassen. Es ist nicht genug, daß man Jesum für den Weltheiland erkenne: man muß ihn auch als solchen  e r f a h r e n.  Es ist nicht genug, daß man die Wahrheit liebe, sie gerne höre und ihr nachlaufe: es ist nötig, daß man durch die Wahrheit  f r e i  und ein neuer Mensch werde. Die das bei sich geschehen lassen, die sind dann nicht bloß reif und weiß zur Ernte, sondern sie sind ein geerntetes, ein eingesammeltes Ährenfeld.

Wir sollen uns an den Gräbern nicht nur an den Tod mahnen, sondern auch vom Tod erlösen, auf den eigenen Tod vorbereiten, für die Ewigkeit, für das Reich Gottes bilden lassen. Das will Jesus tun. Zu dem Ende sendet er den Philippus und Jakobus und andere Werkzeuge zu uns. Später hat der Heiland den Almosenpfleger Philipppus nach Samaria gesandt. Der konnte schon die Sichel anlegen. Darauf kam aber vollends Petrus und Johannes dorthin; da ergoß sich der heilige Geist aus Jesu fülle über das weiße Erntefeld in Samaria. Jetzt waren die Ähren geschnitten, in Garben gebunden und in die Scheunen Gottes gebracht – Wollen wir das nicht auch geschehen lassen? Solange der heilige Geist nicht in unsere Herzen ausgegossen ist, sind wir nicht im Hause Gottes, in der Scheune Gottes, keine Erstlinge, keine Opfer der Erstlingschaft. Ach, daß das auch bei uns geschehen möchte! Soll ich sagen, daß es nur da und dort bei einigen geschehen möchte?

Nein, ich will sagen, daß es bei uns allen geschehen möchte! Und woran kann man merken, daß es geschehen ist? „Meine Speise ist, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk“. So konnte der Heiland sagen. Aber so lernen alle sagen, die sich als Ähren Gottes ernten und sammeln lassen. Wem der Wille Gottes ein Essen und Trinken ist, der hat den heiligen Geist und das Gesetz des Geistes in seinem Herzen. Und ein solcher Mensch ht dann auch den Tröster in aller Not. Der gewinnt dann auch die Reife für die Ewigkeit, daß man ruhig ins Grab gehen kann. Wer weise ist, der macht das zu seinem Teil.  Amen.

M. Gottlob Baumann
(1794-1856)

Quelle:

M. Gottlob Baumann, Pfarrer in Kemnat bei Stuttgart: Neunundsiebenzig Predigten über die Evangelien des zweiten württ. Jahrgangs auf alle Sonn-, Fest- und Feiertage, S. 431. Dritte Auflage (Unveränderter Abdruck). Quell-Verlag der Ev. Gesellschaft, Stuttgart.

Bildquellen:

Reifes Kornfeld, von Cornell Frühauf auf Pixabay
Bildnis von G. Baumann: Frontispiz „Neunundsiebenzig Predigten über die Evangelien“, Stuttgart 1865 (PD-alt)
Eingestellt am 27. August 2021