Psalm 139, 1

Herr, Du erforschest mich, und kennest mich. (Ps. 139, 1)

Gott hat nicht nötig, nach und nach durch Fragen oder angestellte Versuche etwas zu erforschen, denn es ist Alles bloß und entdeckt vor Seinen Augen; wenn aber Seine Erkenntnis sich auf dasjenige bezieht, das sonst den Menschen, ja allen Geschöpfen verborgen ist, und überdies Sein Licht dasjenige, das verborgen gewesen war, den Geschöpfen entdeckt und offenbart, so wird es ein Erforschen genannt. Kein Mensch kennt sich selber so, wie Gott ihn kennt. Es gibt aber Augenblicke, Stunden und Tage, wo Gott das wesentliche Licht in der Seele helle macht, und derselben etwas von Seiner Erkenntnis mitteilt. Alsdann tut der Mensch Blicke auf sich selbst. Alsdann wird ihm der Rat seines eigenen Herzens in Ansehung seiner Worte und Werke offenbar. Er fühlt zugleich entweder das freundliche Wohlgefallen oder den scheltenden Ernst des Herrn.

Er wird gebeugt, klein, demütig vor dem HErrn, und die Eigenliebe und Weltliebe wird von seinen Werken genauer als vorher weggeschmelzt. Dieses ist das Strafen und Züchtigen, wovon der HErr Jesus Offenbarung Johanni 3, 19, oder das Rechnen und Rechten, wovon Er Matth. 18, 23 und Jes. 1, 18 redet. So etwas hatte David erfahren, und sagte deswegen: HErr, Du hast mich erforscht, Du hast das Verborgene meiner Seele mit Deinem Licht beleuchtet und aufgedeckt, und hast mich erkannt, und mir den rechten Bescheid über meinen Zustand gegeben. Er wünscht aber, eben dieses noch mehr zu erfahren, und bat deswegen in den letzten Versen dieses Psalmen darum.

Bei einem solchen göttlichen Erforschen muß der Mensch freilich stehen, und nicht fliehen, aufmerken, und sich nicht zerstreuen. Wenn auch ein scharfes Rügen damit verbunden wäre, und die Angst seines Herzens groß würde, so soll er doch nicht meinen, daß nun über seine Person ein unabänderliches Urteil der Verdammung gesprochen werde. Muß er sich auch als einen Gottlosen und als einen Heuchler ansehen: wohlan, die Gnadenzeit währet noch: er kann noch Gnade finden, es ist im Reich Gottes für ihn noch Raum da. Bei den Gerechtfertigten aber ergeht die göttliche Strenge nicht über ihre Personen oder über ihren ganzen Zustand, sondern nur über die Unreinigkeit, die ohne ihr Wissen noch in ihnen ist, und auch an ihren Worten und Werken klebt. Der HErr schilt sie, wie man ein Kind schilt, dessen Untugenden man haßt, das man aber zugleich doch liebt, und durch das Schelten nicht verderben, sondern bessern will.

Bei der herrlichen Zukunft des HErrn wird ein Jeder in seiner eigentlichen sittlichen Gestalt offenbar werden. Der HErr bewahre uns, daß wir alsdann nicht zu Schanden werden, und erforsche und läutere uns in der Gnadenzeit nach Seiner großen Barmherzigkeit. Laßt uns also nur darauf bedacht sein, daß wir vor Ihm Gnade finden, und Ihm wohlgefallen, übrigens aber in der Welt im Angedenken des HErrn Jesu und nach dem Beispiel Seiner teuersten Knechte mit einer stillen Gelassenheit durch Ehre und Schande, durch böse und gute Gerüchte gehen. Der HErr kennt uns: der HErr ist’s, der uns richtet. Dieses soll uns nicht schrecklich sein, denn es ist besser, in die Hände des HErrn fallen, als in die Hände der Menschen, weil Er barmherzig ist, die Menschen aber das rechte Maß nie treffen. Er ist uns aber auch nahe. Er ist allenthalben um uns. Wenn etwas Gutes von uns geschieht, so schafft Er’s durch Seinen Geist: Ihm gebührt also die Ehre, auch hält Er bei den täglichen Gefahren, denen unser leibliches und geistliches Leben ausgesetzt ist, Seine Hand über uns, und schützt uns.

Gebt unserm Gott die Ehre!

Gott, Du siehst alle Tiefen
In Erd’ und Himmel ein;
Du kannst die Nieren prüfen,
Und prüfst sie auch allein.
Es wird von Deinem Geist
Der Menschen Geist durchdrungen;
Kein Wort ist auf der Zungen,
Das Du nicht alles weißt.

Das macht uns ohne Sorgen,
Wenn uns die Welt berennt;
Dem sind wir unverborgen,
Der unsre Herzen kennt.
Es ist ein Trost für mich,
Ich bete oder singe,
HErr, Du weißt alle Dinge;
Du weißt’s, ich liebe Dich.

Gott, mir ist dies‘ Erkenntnis
Zu wunderlich und hoch,
Und über mein Verständnis
Erheb’ und rühm’ ich’s doch.
Sieh nur mich sonst nicht an,
Als nur in Deinem Sohne,
Daß ich vor Deinem Throne
Im Licht erscheinen kann!

(Magnus Friedrich Roos)
Melodie: „Von Gott will ich nicht lassen“

Verweise:

Roos, M. Magnus Friedrich – Christliches Hausbuch – Mai (ext. Link zu Glaubensstimme)

Notensatz 4stimmig (H. Schütz, pdf, externer Link zu liederindex.de)

Audiofile der Melodie (Schütz, mp3, externer Link zu liederindex.de)

Audiofile der Melodie (midi, geistlich Erfurt, externer Link zu 4Bibeln)