Gottfried Daniel Krummacher: Brief an einen jungen Prediger

Mein lieber Neffe!

Diesmal will ich mit Tadeln anfangen, damit auch in meinem Briefe das Ende besser seiwie der Anfang, Pred. 7, 9. Tadel ist ein gutes Ding, wer sein recht zu brauchen weiß, sei es gebend oder empfangend. Erstlich demnach tadle ich Deine bleiche Tinte, zum andern Deine Säumigkeit, nach welcher Du Dein Briefschreiben bis auf die letzten Augenblicke verschiebst und Dich sodann mit der Eilfertigkeit des Briefträgers entschuldigst, welches gar nicht zu entschuldigen ist. Nimm dir die Zeit zum Schreiben, damit kein Vermittler oder bezweckter Empfänger Deiner Briefe durch Dich leide!

Es hat mich sehr gefreut, mein lieber Bruder, daß der Herr Dir Gnade gegeben, meinen Tadel in meinem vorigen Briefe so ergeben anzunehmen, obschon die Salbe wohl nicht nach Apothekerkunst bereitet, nicht versilbert oder verzuckert war. Das schadet aber auch nicht und das beliebte ‘t hoeft niet 1) ist da nicht immer anwendbar.

Das Selbstrechtfertigen ist ein sehr bedeutendes Übel, aber uns angeerbt, und ich wundere mich oft, wie es die Sünde in ihrer sündlichen Selbstverleugnung so verzweifelt weit gebracht hat, und wie ihre linke Hand nicht will wissen lassen, was ihre rechte getan. Gleicht sie den Tieren, die sich bloß darum tot stellen, damit sie sich retten und wieder sehr flink sind, wenn sie ihren Zweck für erreicht halten? Sag’ mir einmal, glaubst Du im Ernst, daß wir von der Sünde loskommen können? Und wenn Du es glaubst, sollte dann wohl ein anderes Mittel dazu sein, als der, welcher Weg, Rat und Kraft genannt wird? Aber sag’ mir auch, Du junger Praktikus, sollte er noch wohl einmal durch Kot sehend machen? Ich habe in meiner letzten Frühpredigt (Das wäre gar nicht übel, wenn wir uns bisweilen meldeten, was wir gepredigt haben, ohne jedoch ein Gesetz daraus zu machen) – in meiner letzten Frühpredigt also hatte ich etwas über den 38jährigen Kranken oder vielmehr das Beth Chesed (Haus der Gnade) und sagte unter anderem, daß es einem aufmerkenden Menschen erstaunlich vorkommen möchte, wenn man in Christi Namen so getrost und zuversichtlich in die Welt hineinschreie und frage: willst Du gesund werden?

Gesund – das heißt doch was. Der Teich bekam seine Bedeutsamkeit durch Elend, lag außerhalb der Stadt vor dem Schaftor, Jesus ist außerhalb des Gesetzes, Weltsinnes und der Weisheit, außerhalb eignen Werkes und Verstandes, hieß Bethesda, ein passender Name für Jesum, denn in ihm offenbart sich der unglaubliche Reichtum seines Erbarmens. Keine göttliche Eigenschaft, seine Liebe ausgenommen, hat sich in ihrem ganzen Umfang offenbart. Vergl. 1. Joh. 4, 16, 17.18. sein eigenes Erbarmen, da er litt wie ein Sünder und sich allenthalben versuchen ließ, herrliche Eigenschaft des Teiches als Abbildung Christi. Ein Bethesda kommt zum anderen. Die Gesundheit der Seele, worin besteht sie? wer gibt sie? gibt sie wirklich?

Doch ich werfe das so hin, da ich vielleicht, wenn Du mir ein Skelett von einer Deiner letzen Predigten mitgeteilt hättest, Dich wohl ersuchen würde, die Gedanken ein wenig weiter auszuführen, was ich aber in Absicht meiner in Dein freundliches Belieben stelle. Du sollst mir aber eine ganze Predigt schicken, Du magst wollen oder nicht, dagegen aber die Erlaubnis haben, den sie begleitenden Brief nach Deiner beliebten Eile, ¼ vor der Poststunde, anzufertigen, jedoch nicht zu frankieren, damit ich den Mut behalte, Dir meine Briefe unfrankiert zu schicken, in welchem Falle ich sie aufs nahe Rat- und nicht aufs ferne Posthaus abgeben kann. Was die Predigt des Herrn A. anbetrifft, so bin ich auch der Meinung, daß sie als Predigt, als Kunstwerk, gar keinen Wert hat, aber auch das hat mir wunderbarlich wohl getan, und ich wünschte, daß meine Predigten auch so unmittelbare Heiligengeist-Ergüsse wären. Der selige Rienz sagte in seinem letzten Schreiben an sein Presbyterium, er habe dahin getrachtet, daß Jesus Christus immer mehr derjenige sein und werden möchte, der da predige, und nicht er selbst.

Diesen herrlichen Brief hast Du wohl auch im Friedensboten gelesen. Frau Z., die jetzt in Berlin ist, hat auch den Hofprediger Ammon in Dresden gehört, als er über Apg. 17, 24ff. vor einer ungeheuer starken Versammlung predigte. Er hatte sein Thema besonders aus dem 26. Verse genommen und von der Sparsamkeit gehandelt, welche Gott selbst darin geübt, weil er gemacht, daß aus einem Blut aller Menschen Geschlechter auf Erden wohnen. Das mochte wohl Kunst genug und nichts als Kunst und Dunst sein. Ach, freilich ist es weder die Kunst noch Kunstlosigkeit, sondern die Salbung, die alles lehret und erweiset, daß das, was sie lehret, wahrhaftig ist. Sie steht aber nicht in unserer Macht, sondern der Geist wehet, wo er will. In Eurer Gegend ereignen sich wohl viele Erweckungen, die hier seit mehreren Jahren sparsam sind. Das Feld muß aber wohl am Weißwerden sein, weil so viele Arbeiter ausgesandt werden. Gehe ich in Gedanken zehn Jahre zurück oder auch noch weniger, wie sah es da noch so kümmerlich aus, wie fiel die Wahrheit auf die Straße, und wie schien es bald heißen zu können: conclamatum est 2). Wie hat sich das geändert! Von Berlin weiß Z. nicht genug zu singen und zu sagen, was das da für ein kindliches, gesegnetes Wesen sei unter Hohen und Niedrigen, zwischen welchen die liebenswürdigste Vertraulichkeit stattfinde. Mit Claus Harms hat sie sich auch sehr lieblich zusammengefunden, und beide haben mit viel Kraft gegen die Mitteldinge geredet, da so viele Schauspiel und Kirche miteinander vereinigen zu können meinen. Sie schreibt von christlichen Fürsten, Grafen, Ministerinnen, Baronen, Militärpersonen und Studenten.

Nun Adiö, liebes Brüderchen. Es grüßt Dich

Dein Oheim Kr.

Quelle: Krummacher, G. D. – Gesammelte Ähren

1) Es ist nicht nötig
2) Es ist aus, es ist vorbei