Neunzehnte Predigt: Ein Ruf an die Unerweckten

Wache auf der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. (Epheser 5, 14)

In meiner Rede über diese Worte will ich mit der Hilfe Gottes

I. die Schläfer beschreiben, zu denen sie gesprochen sind;
II. die Ermahnung einschärfen: „Wache auf der du schläfst, und stehe auf von den Toten;“ und
III. die Verheißung erklären, welche solchen, die aufwachen und aufstehen, gemacht ist: „Christus wird dich erleuchten.“

I. Wollen wir die Schläfer, zu denen hier gesprochen wird, betrachten. – Unter diesem Schlaf verstehen wir den natürlichen Zustand des Menschen, den tiefen Schlaf der Seele in welchen die Sünde Adams alle seine Nachkommen versenkt hat; die Trägheit, Nachlässigkeit und Stumpfheit, die Gefühllosigkeit betreffs des wahren Zustandes, in welchem jeder Mensch in die Welt kommt, und in welchem er verharrt, bis er durch Gottes Stimme erweckt wird.

„Die da schlafen, die schlafen des Nachts;“ 1. Thess. 5, 7 – Der Zustand unserer Natur ist ein Zustand gänzlicher Finsternis, ein Zustand, von dem es heißt: „Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker;“ Jes. 60, 2.  Der arme unerweckte Sünder, wie viel Erkenntniß er auch in andern Dingen haben mag, hat keine Erkenntnis seines Selbst; in dieser Hinsicht „weiß er noch nichts, wie er es wissen soll.“  Er weiß nicht, daß er tief gefallen ist, und daß es sein Hauptbestreben in dieser Welt sein soll, sich wieder zu erholen von seinem Fall, um das Ebenbild Gottes wieder zu erlangen, worinnen er erschaffen war. Er sieht nicht ein, daß  e i n e s  not thut: die innere, völlige Umwandlung, die Geburt von oben, von welcher die Taufe ein Vorbild, und welche der Anfang ist von der gänzlichen Erneuerung und Heiligung des Geistes, der Seele und des Leibes, „ohne welche Niemand den Herrn sehen wird;“ Hebr. 12, 14.

Voller Krankheit, wie er ist, glaubt er sich in völliger Gesundheit; festgebunden mit Ketten des Elends, träumt er, glücklich und in Freiheit zu sein. Er sagt: „Friede, Friede!“ während der Teufel, als ein starker Gewappneter, im vollen Besitz seiner Seele ist. Er schläft dennoch fort und pflegt der Ruhe, obgleich die Hölle gegen ihn im Anzug ist, obschon der Abgrund, dem er nicht mehr ausweichen kann, gähnt, um ihn zu verschlingen. Ein Feuer ist um ihn her angezündet, doch er weiß es nicht; ja es brennt ihn, doch nimmt er’s nicht zu Herzen.

Unter einem Schlafenden haben wir daher zu verstehen (und wollte Gott; daß wir Alle es recht verstehen!) einen Sünder, völlig zufrieden in seinen Sünden,;der sich begnügt, in seinem verlornen Zustand zu bleiben; zu leben und zu sterben ohne das Ebenbild Gottes; einen Menschen, dem seine Krankheit ebensowohl als das einzige Heilmittel unbekannt ist. Einen, der noch niemals wirksam gewarnt wurde, oder noch nie der warnenden Stimme Gottes achtete, „dem zukünftigen Zorn zu entfliehen;“  Matth. 3, 7. Einen, der noch niemals einsah, daß er in Gefahr des höllischen Feuers ist, oder noch nie im Ernste ausgerufen hat: „Was muß ich thun, um selig zu werden?“ Apg. 16, 30.

Ist dieser Schläfer nicht äußerlich lasterhaft, so ist gewöhnlich sein Schlaf am tiefsten. Mag er laodicäisch gesinnt sein, „weder kalt noch warm;“ Off. 3, 14-16; ein ruhiger, verständiger, argloser, gutmütiger Bekenner der Religion seiner Väter, oder mag er eifrig und rechtgläubig sein, „nach der strengsten Sekte ein Pharisäer“, und sich bemühen seine eigene Gerechtigkeit zum Grund seiner Annahme bei Gott aufzurichten.

Quelle: Sammlung auserlesener Predigten, von Johannes Wesley. Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Wilhelm Nast. Erster und Zweiter Band, Vierte Auflage. Verlag des Tractathauses, J. Staiger, Bremen 1899.