1. Samuel 2, 12-18 und 22-25

Predigt von Johann Friedrich Ahlfeld

Das Leben im Lichte des Wortes Gottes – Die Eltern sollen frühe den Eigenwillen ihrer Kinder brechen.

Aber die Söhne Elis waren böse Buben; die fragten nicht nach dem HERRN noch nach dem Recht der Priester an das Volk. Wenn jemand etwas opfern wollte, so kam des Priesters Diener, wenn das Fleisch kochte, und hatte eine Gabel mit drei Zacken in seiner Hand und stieß in den Tiegel oder Kessel oder Pfanne oder Topf; was er mit der Gabel hervorzog, das nahm der Priester davon. Also taten sie dem ganzen Israel, die dahinkamen zu Silo. Desgleichen, ehe denn sie das Fett anzündeten, kam des Priesters Diener und sprach zu dem, der das Opfer brachte: Gib mir das Fleisch, dem Priester zu braten; denn er will nicht gekochtes Fleisch von dir nehmen, sondern rohes. Wenn dann jemand zu ihm sagte: Laß erst das Fett anzünden und nimm darnach, was dein Herz begehrt, so sprach er zu ihm: Du sollst mir’s jetzt geben; wo nicht, so will ich’s mit Gewalt nehmen. Darum war die Sünde der jungen Männer sehr groß vor dem HERRN; denn die Leute lästerten das Opfer des HERRN. Samuel aber war ein Diener vor dem HERRN; und der Knabe war umgürtet mit einem Leibrock.

Eli aber war sehr alt und erfuhr alles, was seine Söhne taten dem ganzen Israel, und daß sie schliefen bei den Weibern, die da dienten vor der Tür der Hütte des Stifts. Und er sprach zu ihnen: Warum tut ihr solches? Denn ich höre euer böses Wesen von diesem ganzen Volk. Nicht, meine Kinder, das ist nicht ein gutes Gerücht, das ich höre. Ihr macht des HERRN Volk übertreten. Wenn jemand wider einen Menschen sündigt, so kann’s der Richter schlichten. Wenn aber jemand wider den HERRN sündigt, wer kann für ihn bitten? Aber sie gehorchten ihres Vaters Stimme nicht; denn der HERR war willens, sie zu töten.

Da haben wir in unserm Text einen Vater vor uns, der zu spät anfängt, seine Kinder unter die Zucht Gottes und unter seinen eigenen Gehorsam zu beugen! Der Hohepriester Eli hatte gewußt, daß sich seine Kinder schändlich hielten; aber er hatte nicht einmal sauer dazu gesehen. Nun waren seine Söhne Männer, Männer in Sünden, die Sünde war mit ihnen groß und stark geworden. Jetzt, da der Vater alt geworden ist, da seine Augen blöde, seine Stimme schwach geworden, da seine Kraft dahin ist, jetzt, da die Schrecken Gottes ihn umdrohen, fängt er an zu ermahnen, jetzt will er sie in den göttlichen und väterlichen Gehorsam zurückbringen. Aber sein Wort ist wie ein mattes Wehen des Abendwindes. Es klingt mehr wie Seufzer und Klage als wie Strafe, Ermahnung und Einhalt. Es ist zu spät, die Söhne sind verstockt, die Rinde um ihr Herz ist hart geworden. Sie antworten ihrem Vater nicht einmal, sie fahren fort in ihren Sünden. – Da nimmt denn Gott der Herr das Gericht wirklich in die Hand.

Er tut ein Ding am Hause Eli, daß Allen, die es hören, die Ohren gellen. Israel wird geschlagen von den Philistern; die Bundeslade fällt in die Hand der Feinde; Eli’s Söhne fallen in der Schlacht; der Alte fällt, indem er die Schreckenskunde erhält, vom Stuhle und bricht den Hals; seine Schur, das Weib seines Sohnes Pinehas, gebiert vor Schrecken, ehe ihre Stunde gekommen ist. Sie nennt den neugebornen Sohn Jeabod, d. h. „die Herrlichkeit“ – die Herrlichkeit Israels und des Hauses Eli – „ist dahin,“ und stirbt. – Das ist ein gründliches Schreckbild für dies Geschlecht, in dem Zucht und Gehorsam so selten sind. Man fühlt, wie das Schwert Gottes herniederfährt. Doch was hilft der Schrecken? Damit ist Nichts gewonnen, daß uns die Knie etliche Minuten beben, und daß uns für eine kleine Zeit die Farbe vom Angesichte fällt, wie die Tünche von der Wand. Das Alles ist uns geschrieben zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, auf daß der Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werke geschickt. Was wir nun nach dem Lauf unserer Andachten aus dieser großen und schweren Geschichte zu lernen haben, fasst sich in die Worte zusammen: Die Eltern sollen frühe den Eigenwillen ihrer Kinder brechen. Das ist Gottes Rat und Wille.

In dem Herrn geliebte Leser! Was hier in der Gemeinde der Gläubigen und droben in der Gemeinde der Herrlichen groß werden soll, das muß erst Nein werden. Was nicht geistlich arm geworden ist, hat keinen Teil am Himmelreich. Wo der eigene Wille nicht abgeschnitten und das Reis des neuen Lebens nicht eingesetzt ist, da gedeiht keine Frucht zur Ehre Gottes. Geängstete Geister, zerschlagene Herzen, geopferten Willen will Gott haben. Gehorsam ist besser denn Opfer. Soll es mit solchem Opfer des Willens etwas Rechtes werden, so muß frühe, so muß in der ersten Kindheit der Anfang damit gemacht werden. In der ersten Kindheit, denn der Eigenwille, der Eigensinn ist schon frühe da. Er ist ein Stück der angeerbten Sünde. Er ist das erste Zeugnis des innern Hochmutes.

„Torheit steckt dem Knaben im Herzen“, sagt Salomo. Siehe an das Leben deiner Kinder. Wenn sich ihre Kraft kaum ein Wenig entwickelt hat, dann wollen sie oft genug schon anders als Vater und Mutter. Wenn sie den Eigenwillen noch nicht einmal durch Worte ausdrücken können, offenbaren sie ihn durch Gebärden, ungebärdiges Wesen und Geschrei. Er ist so allgemein in Allen vorhanden, daß man wohl scherzweise zu sagen pflegt: „Der sechste Sinn des Menschen ist der Eigensinn.“ Doch ist mit diesem Sinne gar nicht zu scherzen. Er wächst mit jedem Tage. Wir kennen Mütter, welche schon von ihren kleinen Kindern tyrannisiert werden. Sie haben schon in den ersten Jahren nicht den Mut und die Kraft, gegen denselben anzukämpfen. Was soll es da in den reifern Jahren werden, wenn der Ungehorsam wie in den Söhnen Eli’s groß und stark geworden ist? –

Darum geh frühe daran. Wenn der Baum noch ein schwaches Reis ist, kann er gerade gebogen werden; wenn er groß und stark geworden ist, kann man entweder gar Nichts mehr an ihm ausrichten, oder er wird zerbrechen. Einen Bach kann man noch abdämmen und in ein anderes Bett lenken. Wenn man es an einem Strome versucht, arbeitet man umsonst oder wird gar von seiner Flut überwältigt und fortgerissen. Die heilige Schrift, welche nach dem Gnadenrat Gottes das Maß für alle Gebiete menschlichen Lebens geben soll, redet es uns in unserem Text recht in’s Gewissen, wie wir dies Werk frühe anzugreifen haben.

Der alte Sirach, der im Hause so trefflich Bescheid weiß, dessen Buch von unsern Vätern als ein treffliches Hausbuch fleißig gebraucht wurde, sagt in demselben: „Hast du Kinder, so ziehe sie und beuge ihnen den Hals von Jugend auf.“ Der Apostel Paulus schreibt den Vätern: „Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, sondern ziehet sie auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.“ Unser Herr und Heiland hat uns zwar über dies Amt der Eltern kein Wort hinterlassen, aber dafür die Tat, welche noch lauter redet als das Wort. Obwohl in ihm, auch in dem Kinde, die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte, beugte er sich doch demütig unter den Willen seiner Eltern. Nachdem er sich im Tempel zu Jerusalem über seine himmlische Herkunft ausgesprochen und der Mutter geantwortet hatte: „Muß ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist“, ging er mit seinen Eltern hinab, kam gen Nazareth und war ihnen untertan. – Nun ihr Eltern, da sehet ihr es, es muß sein, es ist Gottes Wille.

Ihr seht es aber auch, wenn ihr in die Natur des Kindes schaut. Wohl ist es Gottes Kind, aber Gottes unerzogenes Kind. Noch ist es nicht in klarem Glauben an ihn gebunden, noch ist sein Herz vom heiligen Geiste nicht klar erleuchtet, noch ist sein Wille durch den Willen Gottes nicht geheiligt. An den Anfängen des Lebens, an den ersten Jahren der Entwicklung hängt die ganze Zukunft. Diese kann man nicht in die Hand eines Kindes geben, das kaum über die Schwelle getreten ist, das von zeitlichem und ewigem Leben noch Nichts versteht. Darum steht es noch unter den Vormündern. Es seinen eigenen Weg gehen lassen, hieße, es den Weg des Verderbens gehen lassen. Wenn ihr auf die Erde, auf das künftige Los des Kindes hienieden schaut, dann sagt ihr: „Es muß gehorchen lernen, es muß zunächst den Eltern gehorchen lernen. Ohne dieses wird es weder je ein rechter Diener noch ein rechter Herr.“ Und wenn ihr hinaufschaut gen Himmel, wenn ihr in sein ewiges Bürgertum blickt, dann muß es wieder gehorchen lernen, wieder zunächst den Eltern gehorchen lernen. Denn wer seinem Vater und seiner Mutter nicht gehorcht, die er sieht, wie soll er dem Vater gehorchen lernen, den er nicht sieht?

Wenn der Wille nicht gebrochen wird den Eltern gegenüber, die Gott zu seinen Stellvertretern gesetzt hat, dann wird er auch Gott selbst gegenüber nicht gebrochen, wenigstens nicht zu Gnaden gebrochen. So ist denn der kindliche Gehorsam eine Vorschule zum Gehorsam Gottes, ja er ist ein Gehorsam Gottes. Wer den Eltern in ihren gottgefälligen Befehlen untertan ist, der ist dem Gotte selbst untertan, welcher sie zu Vormündern der Kinder gesetzt hat. – Ihr Eltern sollt die Kinder zu einem festen, unbedingten Gehorsam erziehen. Ihr sollt nicht mit euch handeln lassen. Ihr sollt den Kindern nicht auf jedes „Warum?“ Rede stehen. Es ist nicht nötig, daß sie erst in allen Stücken durch Gründe überzeugt werden. Ihr seit eben die Eltern, sie sind die Kinder. Wenn sie erst nach Darlegung der Gründe gehorchen wollen, folgen sie nicht euch, sondern den Gründen und ihrem Verstande. Es ist dann kein Gehorsam. Gehorsam aber ist ihnen Not. Gott der Herr stellt sich im Leben nicht bei jedem Schritt neben sie und entwickelt ihnen die Gründe, warum er sie so oder so führt. Bei ihm heißt es gar oft: „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren. Mein Angesicht kannst du nicht sehen. Wenn aber meine Herrlichkeit vorüber gehet, will ich dich in der Felskluft lassen stehen, und meine Hand soll ob dir halten, bis ich vorüber gehe. Und wenn ich meine Hand von dir tue, wirst du mir hinten nachsehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“ Zu solcher Demut vor Gott gewöhnest du deine Kinder, wenn du frühe ihren Eigenwillen brichst. Du sollst es aber mit Weisheit und Festigkeit ausführen.

Welches sind nun die Hauptzüge und evangelischen Hauptregeln solcher Erziehung? – Daß der Leuchter Israels im Hause helle brennen muß, daß das liebe Wort Gottes auch bei den Kleinen schon im Schwange gehen und ihre Herzen lenken muß, haben wir neulich schon erwähnt, wir wollen hier nur noch einmal daran erinnern. Wir gehen lieber ein in die Gestaltung des Lebens in diesem heiligen Lichte. Das Haus muß zuerst seinen festen Gang haben, das Leben muß in einer gottseligen Ordnung einhergehen. Willkür und Laune darf nicht den einen Tag so, und den andern so ordnen. Tun und Lassen muß seine Zeit haben. Alles soll eben seine Zeit haben, sagt Salomo. Feste Ordnung, und namentlich der Wandel der Eltern in fester Ordnung ist ein mächtiger Helfer in der Erziehung. Das Wort und der Wille Gottes hat darin eine Gestalt gewonnen, und solches Leben nimmt die jungen Herzen mit und zieht sie in die Ordnung. Gehorsam ist aber die erste Säule der Ordnung. –

Solche Ordnung, solches Fachwerk wird bei dem Kinde ausgefüllt teils durch kleine Arbeiten, teils durch kindliche Freude und Spiel. Arbeiten muß das Kind frühe, wenn es auch geringe Kleinigkeiten sind. Es muß erfahren, daß das Leben seine Aufgaben hat. Gebet und Arbeit müssen mit einander Hand in Hand gehen. Die Arbeit, die geregelte in gewisse Zeiten geordnete Arbeit ist wiederum eine köstliche Stütze des Gehorsams. Sirach sagt: „Ziehe dein Kind, und laß es nicht müßig gehen, daß du nicht über ihm zu Schanden werdest.“ Im Müßiggange erhebt der natürliche Mensch am Ersten sein Haupt. Müßiggang ist aller Laster Anfang, auch des Ungehorsams. Wenn von Jesu geschrieben steht, daß er seinen Eltern untertan war, so lesen wir darin, daß er auch nach ihrem Befehl gearbeitet habe. Die Alten erzählen, bei Nazareth habe man noch lange den Brunnen gekannt, aus dem das Christkind seiner Mutter Wasser geholt. Derselbe habe noch lange den Namen Marienbrunn geführt. – Zu dieser tatsächlichen Einordnung in den Gehorsam kommt die Ermahnung. Sie soll eigentlich nur das Salz zum Brote, die Würze zur Tat sein. Von Eli lesen wir, daß er seine Söhne ohne Ermahnung in ihren Sünden habe hinlaufen lassen und daß er auch nicht einmal sauer dazu gesehen habe. Der hat zu wenig ermahnt. Man kann aber auch zu viel ermahnen. Namentlich ist dies oft ein Fehler der Mütter. Ihr Mütter, sehet in Gottes Gebote. Sie sind kurz und bündig und machen nicht viel Worte, aber es ist Salz und Ernst darin. Wo zu viel ermahnt wird, da lernen die Kinder aus den vielen Worten erst den Ungehorsam. Wenn das Befohlene unbedingt ausgeführt werden muß, dann genügt ja das eine Wort. Viele Worte sind ein Zeugnis, daß man den einfachen Befehl oft hat übertreten lassen. Vieles Ermahnen macht die Kinder hart. Das Wort rauscht endlich an ihnen vorbei, wie der Wind am Felsen, wie die matten Worte des Eli an seinen Söhnen. Ermahne und befiehl so, daß die Kinder dein eigenes Herz und deinen festen Willen in der Ermahnung fühlen. Sie merken es gar schnell, wenn das Wort nur oberflächlich von den Lippen kommt. So leicht wie du es gibst, wird es von ihnen genommen. Namentlich hüte dich vor dem tatlosen Seufzen über die Sünden deiner Kinder in ihrer Gegenwart. Die Mütter oder die Väter, welche endlich Nichts mehr zu tun wissen, als mit einem: „Ach, diese Kinder!“ neben den Sünden derselben zu stehen, haben die Waffen, die ihnen Gott gegeben, weggeworfen, haben sich der elterlichen Macht begeben. Die Kinder mit ihrem Ungehorsam sind dann Herren geworden. Auf daß es dahin nicht komme, übe das Strafamt beizeiten. Spare auch die Rute nicht. Die Weichlichkeit dieser Zeit hat Viele zur Hölle gebracht. Die Liebe, welche das Kind nicht strafen will, ist keine Liebe. Das Kind muß sie später teuer bezahlen. Salomo sagt: „Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtiget ihn bald“, ja bald, ehe die Sünden einwurzeln. „Du hauest ihn mit der Rute, aber du errettest seine Seele von der Hölle.“ Sirach sagt: „Wer sein Kind lieb hat, der hält es stets unter der Rute. Wer mit seinem Kinde zärtelt, der muß sich hernach vor ihm fürchten; wer mit ihm spielt, den wird es hernach betrüben.“ Gott der Herr läßt uns in unsern Sünden auch nicht ungestraft. Er führt auch den Stab Wehe, die Rute. Und Elternamt ist Gottes Amt. Daher sollst du auch dein Kind nicht strafen aus Bitterkeit deines Herzens, sondern aus deinem göttlichen Amte, aus heiliger Liebe, vor der das Böse nicht bleiben kann. Strafe im Aufschauen zu Gotte. Bete, daß du aus seinem Herzen strafest, und daß er die Strafe segne. „Die Rute soll mit dem Paternoster, mit dem Vaterunser umwickelt sein“, pflegten die Alten zu sagen. Strafe ohne Weisheit, Ernst, Herz und Gebet bringt keine Frucht. Strafest du nach Laune einmal die Sünde, und lässest du sie bei anderer Laune wieder ungestraft, so reizest du die Kinder zum Zorn. Wenn du aber in Gottes Namen gestraft hast, erschrick nicht vor deiner eigenen Tat. Laß dein Herz unter den Tränen des Kindes nicht zerschmelzen. Suche ihm den Schmerz, den es verdient hatte, nicht gleich wegzuwischen. Der Ernst, die Trauer, in der du noch einhergehest, ist die beste Natur. „Wer mit seinem Kinde zu weich ist, der klagt seine Striemen und erschrickt, wenn es oft weinet“, heißt es bei Sirach. Wer das tut, hat es umsonst gezüchtiget, und hat ihm die Frucht seiner Schmerzen genommen. Er gerade ist grausam, denn morgen oder übermorgen wird es schon wieder der Strafe bedürfen. Denk an den Herrn deinen Gott. Wenn er dich geschlagen hat, verbirgt er sein Angesicht noch eine Weile vor dir in seinem Zorn, du kannst auch sagen, in seiner Liebe. Er will dir eine stille bange Zeit lassen, in der die Züchtigung an deine Seele dringen, in der du recht fragen sollst: „Weshalb und wozu?“ So mache du es mit deinem Kinde auch. So wirst du ihm mit Gottes Wort, mit deinem Wandel, mit treuer Ermahnung und im letzten Falle mit Züchtigung seinen Willen brechen.

Davon wirst du sammt dem Kinde den Segen haben. In dem Herrn geliebte Leser, damit, daß wir solche Zucht zum Gehorsam frühe anfangen, ersparen wir unsern Kindern und uns selbst unsägliche Schmerzen und Trübsal. Was wir früher mit dem Worte niederdrücken konnten, müssen wir später mit dem Arm niederdrücken, und richten es oft doch nicht einmal aus. Was früher mit einer kleinen Strafe ausgerottet wäre, dagegen muß später oft in den heftigsten Auftritten angekämpft werden, und sie führen häufig doch nicht zum Ziele. Was wir uns früher kein Wort, keinen Streich kosten ließen, das wird uns später viel Tränen kosten. Wir werden vor Gott liegen und schreien: „Vater, bring mein Kind wieder, beuge, demütige es in den Gehorsam, ach hilf doch, hilf doch!“ Er tut es wohl, wenn sich das Kind anders nicht ganz verstockt; aber er läßt uns wohl zur Strafe, daß wir seine Zucht an dem Kinde anstehen ließen, lange warten. Oft ist das Kind auch unwiederbringlich verloren. Wer den ersten Funken nicht löschen will, muß es vielleicht erleben, daß das ganze Haus in Flammen aufgeht. Baue vor, lösche, so lange es noch Zeit ist. –

Sodann nimm es zu Herzen, daß du nur durch frühen Gehorsam das Kind zu einem Manne ziehst. Nur wer in die Demut hineinkommt, empfängt Gnade. Den Hoffärtigen widersteht Gott, den Demütigen gibt er Gnade. Nur wer seinen Willen hingegeben und Gottes heiligen Willen in sich aufgenommen hat, wird fest. Darum ist es ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage. Da wird das Herz fest. Ein einziger fester Grundton geht durch seine Tage hin: Gehorsam gegen den Herrn und gegen die, so er ihm vorgesetzt hat. Wer ein rechter Kaufmann oder Handwerker oder Soldat werden will, muß in Demut den kleinen Dienst von unten auf geübt hüben; wer ein rechter Christ werden will, desselbigen gleichen. Da bildet sich denn ein geordneter Charakter aus. Bestimmt Gott im weitern Verlauf der Zeit einen solchen Mann zum Dienen, so kann er dienen; bestimmt er ihn zum Regieren, so hat er es durch das Gehorchen auch gelernt. Wessen Wille aber in der Jugend nicht gebrochen ist, der schwankt Gotte und Menschen gegenüber zeitlebens umher zwischen seinem und seines Herrn, zwischen seinem und Gottes Willen. Er wird nie etwas Ganzes, nie ein Mann, er ist wie ein ungestüm Meer, das nicht stille sein kann, er hat nie Frieden. Er kann ihn nicht haben. Die ziehende Hand Gottes läßt ihn nicht los, sie möchte ihn noch herausziehen aus dem eigenen Ich. Auf der andern Seite stehet dieses Ich und will sich nicht in den Tod geben.

Da gibt es denn Kämpfe, saure Kämpfe, die sich durch einen großen Teil des Lebens hindurchziehen. Diese Kämpfe hättest du deinem Kinde zum guten Teil ersparen können, wenn du früher Ernst gegen den Eigenwillen gebraucht hättest. Aber wir wollen noch loben und preisen, wenn der Herr in denselben endlich Sieger bleibt. Wie aber, wenn er es nicht bleibt? Wenn sich der Eigenwille Gotte gegenüber verstockt wie in den Söhnen Eli’s? Dann ist kein Segen zu ererben. Der Fluch liegt auf beiden Seiten. Das Schwert, welches auf die Kinder herniederfährt, zerschmettert auch die Eltern. – O liebe Eltern, so tut doch beizeiten dazu! Wo man es voraussehen kann, daß man durch die Anlage eines kleinen Kapitals in der Zeit einen großen Gewinn hat, da strömt Alles hinzu. Hier ist solche Stätte, solche Bank. Die heilige Zucht, welche du in früher Jugend an den Kindern anlegst, bringt dir und ihnen in Zeit und Ewigkeit gewiß einen reichen Gewinn. Da lege das Kapital deiner Liebe, deiner Treue und deines Ernstes an.

Ach Herr, hilf uns doch dazu aus Gnaden im heiligen Geist. Und was wir darin verfehlt haben, das vergib du uns und laß es unsern Kindern an ihrem Heil keinen Schaden tun. Geh mit ihnen und uns nicht in’s Gericht.

Amen.

(Johann Friedrich Ahlfeld)

Quelle: Glaubensstimme

Eingestellt am 23. September 2021