1. Samuel 3, 1-10

Betrachtung von Pastor Wilhelm Busch

Da wird erzählt, daß es in Israel – es war vor der Königszeit – jämmerlich zuging.  Es gab einen Hohenpriester, aber das war ein schwacher Mann, der die Sünden nicht strafte und das Volk nicht daran erinnerte, daß sie Gottes Volk seien. Seine Söhne waren Priester, die ganz offen Gott lästerten.

Wir hören da gewissermaßen zum ersten Mal, daß es Priester Gottes gibt, die selber nicht glauben. Die die Zeremonien vollführen, und damit eigentlich Gott lästern, weil sie in offenbarsten Sünden leben. Damit, daß einer den Titel Pfarrer oder Priester hat, ist noch nicht ausgesagt, ob er ein Kind Gottes ist. Und da geschieht es, daß ein kleiner Junge von seiner Mutter dem HERRN geweiht wird, der Samuel. Er lebt bei dem Hohenpriester Eli; er schläft nachts im Vorraum des Tempels, der Stiftshütte (die war damals noch da) auf einer Matte. Und da lesen wir (1. Sam. 3, 1-10):

Und da Samuel, der Knabe, dem HERRN diente unter Eli, war des HERRN Wort teuer zu derselben Zeit, und war wenig Weissagung. Und es begab sich, zur selben Zeit lag Eli an seinem Ort, und seine Augen fingen an, dunkel zu werden, daß er nicht sehen konnte. Und Samuel hatte sich gelegt im Tempel des HERRN, da die Lade Gottes war, und die Lampe Gottes war noch nicht verloschen.    Und der HERR rief Samuel. Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich! und lief zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe dich nicht gerufen; gehe wieder hin und lege dich schlafen. Und er ging hin und legte sich schlafen. Der HERR rief abermals: Samuel! Und Samuel stand auf und ging zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen, mein Sohn; gehe wieder hin und lege dich schlafen. Aber Samuel kannte den HERRN noch nicht, und des HERRN Wort war ihm noch nicht offenbart. Und der HERR rief Samuel wieder, zum drittenmal. Und er stand auf und ging zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! du hast mich gerufen. Da merkte Eli, daß der HERR den Knaben rief, und sprach zu ihm: Gehe wieder hin und lege dich schlafen; und so du gerufen wirst, so sprich: Rede, HERR, denn dein Knecht hört. Samuel ging hin und legte sich an seinen Ort.  Da kam der HERR und trat dahin und rief wie vormals: Samuel, Samuel! Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht hört. Und der HERR sprach zu Samuel: Siehe, ich tue ein Ding in Israel, daß, wer das hören wird, dem werden seine beiden Ohren gellen.

Das ist eine der wichtigsten Geschichten im Alten Testaments. Das erste, was mir an dieser Geschichte überaus wichtig ist, ist dies: Da wird also ein Junge in die Gemeinschaft mit dem HERRN berufen. Er soll sein sein Werkzeug und sein Diener werden, und sein Kind. Wer macht hier den Anfang, Samuel oder der HERR? Der HERR ruft ihn zuerst, der HERR fängt an, und das ist so wichtig, daß wir das begreifen. Es gibt kein Glaubensleben, wo wir den Anfang gemacht hätten.

Es heißt in einem Lied (EG 545, Regionalteil Württemberg):

Hätt’st Du dich nicht zuerst an mich gehangen,

ich wär‘ allein wohl nicht Dich suchen gangen,

Du suchtest mich und nahmst mich mit Erbarmen 

in deine Arme.

Und dies Lied endet mit dem Vers:

Nun dank’ ich Dir vom Grunde meiner Seelen,

daß Du nach deinem ewigen Erwählen

auch mich zu deiner Kreuzgemeine brachtest

und selig machtest.

 

Der ganze Vortrag von Wilhelm Busch ist als Download im mp3-Format verfügbar bei sermon-online.de

Betrachtung von Traugott Hahn

Es war in Israel dunkel geworden. Der herrliche Gottestag unter Mose und Josua war vorüber. Das Volk war zerfallen, jeder Stamm ging eigene Wege; auch das Nationalitätsbewußtsein war geschwunden, sie ahmten die Lebensart der Heiden ringsum nach. Und noch immer tiefer ging es bergab; vor der Tür stand jener schmachvolle Tag, da Israel den Philistern in der Schlacht erlag, die Lade Gottes geraubt wurde, und das Volk auf viele Jahre unter das Joch der Heiden kam, das drückende, schimpfliche. Auch die Lichter, die Gott unter dem Volk hin und her angezündet, waren meist erloschen, oder im Verlöschen, so daß die Finsternis vollständig zu werden drohte.

Als das Schlimmste in dieser Zeit sieht die Heilige Schrift an, daß die Kraft aus der Höhe und die Geistesmacht, der Israel seine Vergangenheit, seine Größe allein verdankte, entwichen war. «Da Samuel, der Knabe, dem Herrn diente unter Eli, war des Herrn Wort teuer zu derselben Zeit, und war wenig Weissagung.»

Die eigentliche Stätte der Weissagung, die Stiftshütte, war durch den Sündenwandel der Söhne Elis daselbst zu einer Stätte öffentlichen Ärgernisses geworden. Auch die Prophetie schwieg. Eine trübe Zeit – und doch, wir wissen es, was damals keiner ahnte –, unmittelbar vor der Tür stand die wundervolle Zeit der Erhebung unter David und Salomo, ein neuer Gottestag, so voll Offenbarungslicht, daß später Israel immer wieder sehnsuchtsvoll darauf zurückblickte.

Unsere heutige Geschichte berichtet vom ersten Morgengrauen dieses Gottestages. Den Anstoß zu der neuen Bewegung gab Gott durch einen Mann: Samuel. In ihm fand Gott wieder einen treuen Propheten, der dem Volk wieder Gottes Wort sagte. Durch ihn ward die Prophetie überhaupt wieder belebt in Israel; Israel kam wieder zu sich, der Gottesgeist gewann wieder Einfluß auf das Volksleben, und das zog dann wieder von selbst den äußeren Aufschwung nach sich.

Manches bei uns im Lande erinnert an dieses Zeitbild. Politisch und national geht es zurück. Und was schlimmer ist: Ohne zu schwarz zu malen, muß man doch sagen: Es droht uns ganz der Idealismus abhanden zu kommen; wir haben – wie fast die ganze Welt, zu wenig opferfreudiges Streben nach höheren, rein geistigen Gütern, überhaupt nach höherem Geistesleben. Unser Zeitalter ist geknechtet von praktischem Materialismus, von Erwerbs- und Genußsucht. – Trifft aber auch das andere bei uns zu: «Des Herrn Wort war teuer zu derselben Zeit?» – Nun, wir haben da noch viel Grund zu danken. Auf den Kanzeln, in den Schulen wird noch im Ganzen das alte Evangelium gelehrt. Unsere Väter, zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts, verstanden jenes Wort doch anders, damals, als in den Kirchen elende, hausbackene Menschenweisheit und seichte Moral gepredigt wurde. Wie weit mußten wahrheits- und ewigkeitsdurstige Seelen damals reisen, um eine gläubige Predigt zu hören aus dem Gottesdienst heraus, um einen in die Tiefe gehenden Konfirmationsunterricht zu empfangen. Und wie teuer ist Gottes Wort in anderen Ländern auch heute. Ich denke an das berühmte Gymnasium in einer bekannten deutschen Großstadt, wo sich jahraus, jahrein ein bedeutender Religionslehrer bemüht, den ihm anvertrauten Kindern ihre Achtung vor der Bibel zu nehmen, den Kinderglauben zu zerstören, und statt dessen zersetzende Zweifel in ihre Seele zu senken, wie etwa die Auferstehung Christi als Täuschung der Jünger hinzustellen. – So teuer könnte auch uns Gottes Wort werden, so schwer das Glauben gemacht werden, und sogar von den Vertretern der Kirche; es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß solche Zeiten kommen. Bitten wir, sie mögen uns erspart bleiben, und seien wir dankbar für das, was wir haben. Viele draußen beneiden uns darum.

Aber freilich, wir fragen auch: Warum wirkt das Wort bei uns nicht mehr? Warum kommt von daher nicht mehr Licht in unsere Dunkelheit? Liegt es an dem öffentlichen Ärgernis im Heiligtum, den nationalen Kämpfen in unserer Kirche? Gewiß ist das ein Bann, der auf uns lastet. Oder sind wir Prediger zu verweltlicht –, und wirkt darum unsere Botschaft nicht? Ganz gewiß auch das. Aber wir müssen weiter gehen; was jede Zeit braucht, ist doch nicht nur Verkündigung einer reinen Lehre, sondern lebendiges Gotteswort für die Gegenwart; wir können auch sagen, auf alle Verhältnisse von heute angewandtes Gotteswort. Und das geht nicht nur uns Prediger an, nein auch die Gemeindeglieder. Was hilft es, wenn im allgemeinen Gotteswort gesagt wird, aber der einzelne nicht heimzugehen versteht und nachzudenken: Ja, was sagte Gott nun mir? Was davon habe ich gerade anzuwenden und wie? Die öffentliche, kirchliche Verkündigung des Wortes bleibt wirkungslos, wenn nicht die sonderliche daneben geht – für den einzelnen, für seine Sünden gerade, für seine Nöte, seinen Beruf. Die aber müssen wir doch zumeist den Gemeindegliedern überlassen, den Eltern, Lehrern, Freunden. Was wir brauchen, sind vertrauenerweckende Persönlichkeiten, die imstande sind, ihrem größeren und kleineren Kreise lebendige Gottesworte zu sagen; weil sie gewohnt sind, eben alles unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit anzuschauen –, bei denen jeder den Eindruck hat, der zu ihnen kommt, hier werden mir Gottes Gedanken über mich gesagt werden, denn dieser Mensch sieht alles, sich selbst und alle anderen vom höchsten Standpunkt an, von dem der ewigen Liebe, er sucht es jedenfalls zu tun. Darum richten seine Worte und Blicke so die Gewissen, darum geben sie aber auch Mut und Lust, den Hochweg der Liebe und Pflicht, den er weist, zu wandeln, weil wir die unmittelbare Empfindung haben, nicht er selbst gibt höhere, eigene Gesichtspunkte, er will nur Gott sprechen lassen.

Meine Lieben, das allein macht doch auch eine Predigt wirksam, wenn ein Mensch dabei empfindet, das waren wahrhaftig Gottesworte, dem Prediger gerade für mich von Gott gegeben. – Verstehen wir aber, daß solche lebendige Herrenworte teuer sind? Teuer einmal in dem Sinn, daß solche Persönlichkeiten das allerkostbarste auf Erden sind, nicht mit Gold aufzuwiegen, solche Männer in leitenden und lehrenden Stellungen, die immer unbeirrbar sich nur von der ewigen Liebe leiten lassen, und ihre Zeit emporzuziehen suchen, als Gewissen des Landes; sie sind das höchste Nationalvermögen. – Glücklich die Familie, der eine solche, immer wieder die Ihrigen von der Alltäglichkeit losreißende Persönlichkeit von Gott geschenkt ist. Eine solche Frau bringt ihrem Mann mehr mit, als hätte sie hundert Millionen Mitgift. – Aber blicken wir um uns, ja teuer sind solche Gottesworte auch in dem Sinn, daß sie selten sind. Denken wir an diesen Mangel, wie arm und trübe erscheint uns dann unser Land. Ach, daß es nach der gegenwärtigen Nacht doch auch gleich Israel einen herrlichen Tagesanbruch erlebte! Das kann nur geschehen, wenn es wieder mehr lebendiges Gotteswort in solchen Persönlichkeiten gäbe. O wie viel ist ein Mensch, der sich ganz seinem Gott zur Verfügung stellt! Welch ein Anstoß geht von ihm aus. Davon, wie es in einem Menschen zu solch einer göttlichen Morgendämmerung kam –, das sehen wir an Samuel, davon wollen wir heute reden.

Gottes Wege sind dabei ja verschieden. Oft reißt er einen Menschen plötzlich aus der Sündenbahn und bekehrt ihn zu seinem auserwählten Werkzeug. Er kann gewiß auch uns plötzlich Vorkämpfer seiner Sache geben, wo wir es nie erwartet. Aber für gewöhnlich verfährt Gott bei der Berufung gerade wie bei Samuel. Ein neuer Tag beginnt meist wie hier ganz allmählich, ganz in der Stille, an vielen Orten zugleich, während man im Allgemeinen den Eindruck hat, mit der Gesamtheit gehe es noch ständig bergab. Und dann zeigt Samuels Geschichte, wie Gott solche Männer zubereitet unter dem Einfluß vieler Menschen. Viele müssen dazu beitragen. Ja, wir wollen Gott bitten um solche Persönlichkeiten, aber wir sollen nicht die Hände in den Schoß legen und warten –, nein, uns alle ruft Gott zur Mitarbeit auf, zur Vorbereitung eines neuen Tages – und wir sollen uns nicht davon abbringen lassen, ob es auch immer dunkler zu werden scheint. Gott ruft dazu auf, Eltern, Lehrer, Freunde – und es sei zum Trost darauf aufmerksam gemacht –, auch ein Eli kann einem Samuel entscheidend helfen, ein schwerer Sünder, eine ganz unbedeutende Persönlichkeit, kann dem viel grösseren die entscheidendste Hilfe leisten.

Durch ein Dreifaches ward jene heilige Berufungsstunde im Leben Samuels vorbereitet:

1. Durch das Gelübde der Eltern

2. Durch die Jugendzeit im Heiligtum

3. Durch die Erziehung zum Dienen

Meine Lieben, wollen wir christliche Persönlichkeiten, so brauchen wir vor allem Eltern wie Elkana und Hanna, die Eltern Samuels. In euren Händen, christliche Eheleute, liegt unsere Zukunft. Wir brauchen Eheleute, die Gott bitten um Kindersegen, und dafür danken als den höchsten Segen, weil sie sich bewußt sind, dass es die größte Aufgabe auf Erden ist, ja größer als Staaten zu regieren –, Menschen das Leben zu geben, Menschen zu erziehen und ihnen so geistiges und geistliches Leben zu geben. Mütter brauchen wir vor allem, Mütter, die freudig gewillt sind, dort in der Stille des Heiligtumes des Hauses, in der Kinderstube, in den ersten Lebensjahren der Kleinen an ihnen jene Riesenarbeit der Geduld zu tun, im Vergleich zu der es so gering ist, was der berühmteste Professor hernach ihren Söhnen geben kann. Und wir brauchen Eltern, die ihre Kinder dem Herrn weihen, und dazu sie sich erbitten; denen von vornherein als Erziehungsziel nur eines feststeht, daß sie Gottes Kinder würden – die nicht müde werden, täglich zusammen zu flehen: «Ach mach aus ihnen nur ganze Menschen, christliche Charaktere, Gottesmenschen.» Wie es ihnen äusserliß geht, ob leicht, ob schwer, ob sie Karriere machen, ob sie heiraten, ist doch nebensächlich.

Und zweitens, Samuel verbrachte seine Jugend im Gotteshause. Wenn doch auch unsere Jugend im Gotteshause sich einlebte. Zunächst buchstäblich: In der Kirche. Freilich Auferlegung der äusseren Ordnung des sonntäglichen Kirchenbesuches allein hülfe nichts. Das würde nur als Druck empfunden. Aber wie wäre es, wenn die Kinder von den Eltern stets den Eindruck empfingen, es zieht sie dahin als zu ihrem liebsten Ort, es ist für sie die höchste Freude, die schönste Feier, sonntäglich dort im Wort Gemeinschaft mit Gott und der Gemeinde zu haben –, und wenn man in unseren Häusern bemüht wäre, nicht nur in den Kindern wissenschaftliches Interesse und Kunstsinn zu wecken, nein auch religiöse und ethische Neigungen.

Und die Hauptsache: Wenn das Elternhaus selbst auch ein Heiligtum Gottes wäre und der Geist in ihm derselbe, wie der in der Kirche. Ohnedem werden die Gottesdienste den Kindern doch immer fremdartig bleiben. Sie müssen aufwachsen unter der heiligen Lampe täglicher Andachten, die aber den Eltern nur ja nicht Formsache seien. Ach, daß die Kinder Eindrücke empfingen von echten, herzinnigen Gebeten der Eltern als von wirklichen Gesprächen mit Gott. Vor allem, daß von den Eltern reine Liebes- und Friedensluft das Zusammenleben umschlösse, so daß sie in fremden, andersartigen Häusern oder Schulen sich bedrückt fühlten und gleich merkten, es ist so anders hier, auch wenn sie es nicht näher zu bestimmen wüssten. Wäre dies der Geist unserer Christenhäuser, so gäbe es gewiß auch dann viele verlorene, oder doch anders gesinnte Söhne und Töchter, aber doch sicher viel mehr solche, die dem Knaben Samuel glichen.

Und drittens fällt uns auf, wie wohlerzogen Samuel ist, wie gewärtig jedes Rufes und Winkes seines Herrn Eli, wie aufmerksam für alles, was um ihn her vorgeht. Meine Lieben, daß man nur nicht über der geistlichen Erziehung, wie es manchmal geschieht, die natürliche Charakterbildung vernachlässigte. Mit eigensinnigen, bequemen Menschen kann Gott nichts anfangen. Er kann nur aufgeschlossene, energische Persönlichkeiten brauchen, die aber auch verstehen zu gehorchen und zu dienen.

Und der Erfolg solcher Erziehung? Hier heißt es: «Samuel kannte den Herrn noch nicht, und des Herrn Wort war ihm noch nicht offenbart.» War das der Erfolg? Ist das nicht merkwürdig?

Aber wie groß ist auch heute die Zahl jener Christen, die von Gott allerlei wissen, denen sein Dasein unerschütterlich feststeht, aber es ist nur Autoritätsglauben. Er ist für sie der Gott, von dem die Bibel erzählt, der Gott der Eltern und Lehrer, ihnen selbst noch nicht persönlich und näher bekannt. Sie gehen in die Kirche, aber nicht zu Gott, sondern zum Pastor. Sie lassen sich beeinflussen von der Predigt, auch im Wandel, aber Ausführungen, wie meine heutigen vom Wort Gottes, sind ihnen doch ganz ungegenständlich. Sie gehen auch hin und her ins Gebetskämmerlein, beten dort auch zu dem Gott, der im Himmel ist; aber ein Bedürfnis, ihm immer wieder das Herz auszuschütten, haben sie nicht. Man lebt im Tempel und gern, aber man dient dort doch nur Eli. Man handelt sittlich, aber mehr doch nur, weil es Sitte so ist, gute Sitte – nicht weil der Vater im Himmel es so will. Mögen die, die mit solchen Menschen zu tun haben –, und sind nicht die Mehrzahl der Kirchenchristen ihnen gleich –, nur viel Geduld haben und Gott danken, wenn er eine Seele auch nur so weit gebracht, daß ihr viel Christentum anerzogen, halb unbewußt in Fleisch und Blut übergegangen ist. Aber andererseits: Verlangen wir nach mehr. Gott will auch wie Samuel über diesen Zustand hinausführen. O achtet auf die Stunde, wo Gott auch an euch herantritt und euch bei Namen ruft.

Ist sie am Ende schon da? Hat Gott schon öfters uns bei Namen gerufen? Samuel verstand es ja auch zweimal nicht. Eli auch nicht. Es kommen Zeiten, da gehen große Veränderungen um und im Menschen vor, das Alte, das Kindliche genügt nicht mehr. Wir wissen selbst nicht, was das Neue im Leben ist. Gott nimmt unsere Lieben von uns. Wozu tut er das? fragt der Getroffene. Er fragt auch die Menschen –, sie schütteln den Kopf und sagen: «Ein unbegreifliches Los, man muss sich darein ergeben.» Mein Lieber, ist es denn wirklich so unbegreiflich? Führt er dich nicht dazu in die Einsamkeit, damit du nach ihm persönlich verlangtest? Merke doch, Gott ruft dich, wie durch Leid so durch Glück, oder durch große Aufgaben!

Aber wie kann ich ihn hören? fragst du. Vernimm: Nur wenn du tust wie Samuel hier; wenn du in der Stille gehst und dort wartest und gesammelt lauschest. Gott spricht zu dem, der betend kommt, nur im Zwiegespräch. Er bleibt verborgen dem, der nach einer deutlichen Offenbarung verlangt, nur um ihn zu versuchen, um ein Wunder zu erleben. Er kommt nur zu dem, der wie Samuel betet: «Rede, Herr, dein Knecht hört», der also dienstbereit vor ihn hintritt, seinen Willen vor Gott niederlegend. «Rede –, ich stehe hier fest entschlossen, gleich und nicht nur jetzt, nein auch jederzeit Gottes Willen zu tun.» Ein solcher will nichts unternehmen, ohne vorher im Gebet von Gott unterwiesen zu sein. Und solche Menschen, mit denen Gott so sprechen kann, die können auch anderen Gottes Worte sagen –, nur solche. Ach, daß doch auch manche unter uns noch heute auf ihren Knien zu Gott sprächen: Rede, Herr, denn dein Knecht, deine Magd höret.

Amen.

Traugott Hahn: Glaubet an das Licht, C. Bertelsmann, Gütersloh, 1925