Offenbarung 8, 13 – 9, 21: Die fünfte und sechste Posaune

Offb. 8, 13 Und ich sah und hörte einen Engel fliegen mitten durch den Himmel und sagen mit großer Stimme: Weh, weh, weh denen, die auf Erden wohnen, vor den andern Stimmen der Posaune der drei Engel, die noch posaunen sollen!

Offb. 9, 1 Und der fünfte Engel posaunte: und ich sah einen Stern, gefallen vom Himmel auf die Erde; und ihm ward der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben.  2 Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf; und es ging auf ein Rauch aus dem Brunnen wie ein Rauch eines großen Ofens, und es ward verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch des Brunnens.  3 Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde; und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben.
 4 Und es ward ihnen gesagt, daß sie nicht beschädigen das Gras auf Erden noch ein Grünes noch einen Baum, sondern allein die Menschen, die nicht haben das Siegel Gottes an ihren Stirnen. 5 Und es ward ihnen gegeben, daß sie sie nicht töteten, sondern sie quälten fünf Monate lang; und ihre Qual war wie eine Qual vom Skorpion, wenn er einen Menschen schlägt. 6 Und in den Tagen werden die Menschen den Tod suchen, und nicht finden; werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen. 7 Und die Heuschrecken sind gleich den Rossen, die zum Kriege bereitet sind; und auf ihrem Haupt wie Kronen, dem Golde gleich, und ihr Antlitz gleich der Menschen Antlitz;  8 und hatten Haare wie Weiberhaare, und ihre Zähne waren wie die der Löwen; 9 und hatten Panzer wie eiserne Panzer, und das Rasseln ihrer Flügel wie das Rasseln an den Wagen vieler Rosse, die in den Krieg laufen; 10 und hatten Schwänze gleich den Skorpionen, und es waren Stacheln an ihren Schwänzen; und ihre Macht war, zu beschädigen die Menschen fünf Monate lang. 11 Und hatten über sich einen König, den Engel des Abgrunds, des Name heißt auf hebräisch Abaddon, und auf griechisch hat er den Namen Apollyon. 12 Ein Wehe ist dahin; siehe, es kommen noch zwei Wehe nach dem. 13 Und der sechste Engel posaunte: und ich hörte eine Stimme aus den vier Ecken des goldenen Altars vor Gott, 14 die sprach zu dem sechsten Engel, der die Posaune hatte: Löse die vier Engel, die gebunden sind an dem großen Wasserstrom Euphrat.  15 Und es wurden die vier Engel los, die bereit waren auf die Stunde und auf den Tag und auf den Monat und auf das Jahr, daß sie töteten den dritten Teil der Menschen. 16 Und die Zahl des reisigen Volkes [ELB: Reiterheer] war vieltausendmal tausend; und ich hörte ihre Zahl. 17 Und also sah ich die Rosse im Gesicht und die daraufsaßen, daß sie hatten feurige und bläuliche und schwefelige Panzer; und die Häupter der Rosse waren wie die Häupter der Löwen, und aus ihrem Munde ging Feuer und Rauch und Schwefel. 18 Von diesen drei Plagen ward getötet der dritte Teil der Menschen, von dem Feuer und Rauch und Schwefel, der aus ihrem Munde ging. 19 Denn ihre Macht war in ihrem Munde; und ihre Schwänze waren den Schlangen gleich und hatten Häupter, und mit denselben taten sie Schaden.
20Und die übrigen Leute, die nicht getötet wurden von diesen Plagen, taten nicht Buße für die Werke ihrer Hände, daß sie nicht anbeteten die Teufel und goldenen, silbernen, ehernen, steinernen und hölzernen Götzen, welche weder sehen noch hören noch wandeln können; 21 und taten auch nicht Buße für ihre Morde, Zauberei, Hurerei und Dieberei.

   Wir erleben mitunter Gerichtszeiten, in denen Donnerschlag auf Donnerschlag folgt; wir staunen zunächst über die abmessende Verschonung Gottes, aber das Gewitter rückt näher und wird immer schwerer und schließlich treffen die Blitze den Herzpunkt unserer Existenz.

So ist es im kleinen Kreis, so im Großen, im Völkerleben und in der Geschichte der Menschheit. So war bei den Plagen der 4 ersten Posaunen noch viele Verschonung: Sie trafen noch nicht die Menschenwelt selbst, sondern schädigten ihre Wohnstätten und ihre Existenzbedingungen bis zu einem wohlabgemessenen Grade. Jetzt aber erblickt Johannes einen  A d l e r. *)  Er hört seinen Flügelschlag und sieht ihn in der Mittagslinie, hoch oben am Himmel hinfliegen, so daß ihn alle Erdbewohner sehen und seinen Ruf hören können.

*) Statt „Engel“ haben die griechischen Handschriften in Kap. 8, 13 überwiegend „Adler“.

Es ist der Aasgeier, den die Alten zum Adlergeschlecht rechneten (Habakuk 1, 8; Matthäus 24, 28). Krächzend stößt er sein „Wehe, wehe, wehe“ hervor, und furchtbare Gerichte droht er an. die kommen sollen, wenn die Stimmen der drei letzten Posaunen erschallen.

Und der  f ü n f t e  Engel posaunte. Johannes sieht einen Stern auf der Erde liegen, der vom Himmel herabgekommen war. Also Wiederum (vergl. 8, 10) greift eine himmlische Macht auf Erden ein. Wir wissen es und sehen es besonders deutlich in den Bilderreden gerade unseres Kapitels, daß der Seher, wenn er mit einem Bildwort eine Sache, ein Ereignis angedeutet hat, oftmals weiter eilt, ohne daß sich die neuen Gleichnisse mit dem Bisherigen wie Einzelzüge zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen. Der Stern, die Himmelskraft, erscheint auf einmal belebt, erhält einen Schlüssel und öffnet den „Brunnen des Abgrunds“.

Also nach Gottes Willen und durch Himmelskraft werden Höllenkräfte entfesselt und werden auf die Menschheit losgelassen. Das ist fürwahr ein „Weh“, wenn die Menschenwelt dem Geist aus der Hölle preisgegeben wird. Aus dem Schacht des Abgrunds steigt dicker Rauch, der die Sonne verfinstert und die Luft erfüllt.

Wir verstehen das Bild: Gott gibt die Menschen dahin in Umnachtung, die ihnen das himmlische Licht verdunkelt, daß sie der Macht der Lüge und des Irrtums verfallen +), und die geistige Luft wird verpestet, daß sie das Böse gleichsam einatmen, unwillkürlich und unentrinnbar davon angesteckt werden ++).

+) 2. Thess. 2, 11.12: Darum sendet ihnen Gott kräftigen Irrtum, daß sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gehabt haben.
++) Eph. 6, 12: Denn unser Kampf richtet sich nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die Herrschaften, wider die Gewalten, wider die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen.

Aus diesem Dunstkreis kommen  H e u s c h r e c k e n  hervor. Was deren Schwärme im Reich der Natur anrichten, ist nirgends anschaulicher und zutreffender geschildert als beim Propheten Joel (Joel 1, 2-14).

Hier aber vollziehen sie ein Gericht Gottes – nicht an der Wohnstätte der Menschen, sondern geradewegs an den Menschen selbst. Aber eben damit hören sie auf, nur gewöhnlichen Heuschrecken zu gleichen. Hat schon die Heuschrecke, die wir ja auch „Heupferd“ nennen, etwas an sich, das sie mit dem Rosse vergleichen läßt (Joel 2, 4), so sind diese Heuschrecken wie Rosse, die zum Krieg, zum Angriff auf die Menschen ausgerüstet sind. Sie haben (Vers 3) „Macht wie Skorpionen“, die mit giftigem Stich den Menschen namenlose Qual schaffen, und sie heißen im Verlauf nicht mehr „Heuschrecken“, sondern „heuschreckenähnliche Gestalten“ (V. 7, „gleich den Rossen“), mit Kronen, die wie Gold aussehen; sie blenden also durch vornehm tuenden Schimmer. Sie schauen gar menschlich und vernünftig drein: „ihr Antlitz ist gleich der Menschen Antlitz“; und sie locken weich und verführerisch im Schmuck der „Weiberhaare“. Ihr Angriff geschieht demnach so: gleißend, scheinbar menschlich vernünftig und zum Sinnengenusse verführend kommen sie daher. Aber wer nicht widersteht und ihnen entflieht, bekommt ihre Zähne zu fühlen, ganz wie es bei Sirach (21, 2f.) von der Sünde heißt: „So du ihr zu nahe kommst, so sticht sie dich; ihre Zähne sind wie Löwenzähne und töten den Menschen.“ Man kann nicht über sie Herr werden; sie verwunden und vergiften die Leute, aber sie sind selbst unverwundbar, wie eisengepanzert. Man kann auch nicht gegen ihr Massenwüten aufkommen: Ihr Schwarm fährt durch die Luft daher, daß es dröhnt, wie wenn viele rossebespannte Streitwagen anstürmten. Sie beherrschen also die geistige Atmosphäre ihrer Tage, und wie die Gesamtheit ihnen ausgeliefert ist, so ist auch der Einzelne gegen sie machtlos. Aber niemand denkt auch daran, wenn sie einherschwirren, welche furchtbare Plage sie bringen; denn wie der Skorpion im Schwanz seine Waffe hat, so quälen auch sie hinterrücks die Menschen, wenn man meint, sie wären vorüber.

Die Qual aber, die sie bringen, ist so unerträglich, daß die Menschen vor Schmerzen wie rasend gemacht in der Verzweiflung nur noch sterben möchten, aber sie werden nur grausam gemartert und müssen die Pein an ihrem Leibe herumtragen, bis die Zeit der Quälgeister vorüber ist. Die Menschen mögen denken, das sei nun eben eine allgemein herrschende Krankheitsplage, die allenthalben um sich greife; in Wahrheit aber ist es „der Engel des Abgrunds“, der Satan selbst, dem Gott sie ausliefert und der sein Seelen und Leiber verderbendes Wüten nach Gottes gerichtlichem Ratschluß an denen üben darf, die Gott den Abschied gegeben haben.

Verderben aus der Hölle ist es, was er über die Welt bringt; das ist ausgedrückt in dem griechischen Namen des Fürsten des Todes und der Hölle, „Apollyon“, d.h. „Verderber“, und vielleicht noch schrecklicher im hebräischen Namen „Abaddon“, d.h. sowohl „Verderben“ als auch „Reich des Verderbens, Todesreich“.

Wir ahnen wohl schon in unseren Tagen [die Bibelstunden wurden gehalten von Aug. 1914 bis März 1915,  also während des ersten Weltkrieges. Wie viel mehr gilt das Gesagte für heute!] etwas von diesem Gerichte der Zukunft. Ehe der große Krieg über uns kam, sahen wir mit Schrecken, wie die geschlechtliche Unzucht in allen Gestalten, zügellos und schamlos, Vernunft und Sittlichkeit verhöhnend und verkehrend das Einzelleben, Familienleben und Volksleben zu zerstören drohte. Es war geradewegs wie ein vergiftender Nebel, der unser Volk umfing, und nicht nur wer Zucht und Sitte liebte, war voll Entsetzen, sondern die Ärzte und Volksfreunde sahen durch die Folgen der geschlechtlichen Sünden die Grundlagen der Volksgesundheit erschüttert. Man konnte kaum begreifen, wie eine ganze Zeit von scheußlichem Irrwahn sich gefangennehmen ließ, und alles schien zusammenzuhelfen, daß die Leute förmlich hineingejagt wurden in schmeichelnde, alles zerfressende Unzucht und lockendes, Seele und Leib zerstörendes Verderben! Und dann kam der Krieg, und aus dem Abgrund steig wiederum Rauch, der alles verfinsterte: teuflischer Lügengeist schien die Alleinherrschaft auf Erden nicht nur zu suchen, sondern auch zu gewinnen. Aber – es war den Mächten des Abgrunds von Gott so „g e g e b e n“, und es hieß darum auch: „Bis hierher und nicht weiter!“ Gott hat sich seine Schar noch bewahrt und wird auch in künftigen Gerichten dieselbe sich bewahren, nämlich alle, die „das Siegel Gottes tragen an ihren Stirnen“ (V. 4).

Wir haben in Kapitel 7 von Versiegelten aus Israel gehört. Aber jetzt stehen wir seit Kap. 8 in einer Reihe von Gesichten, die nicht Fortsetzung jener ersten Reihe (6 u. 7) sind, sondern für sich selbst unabhängig dastehen als geschlossenes Ganzes (8, 2-11, 18). Und wir dürfen nicht ohne weiteres die, welche hier das Siegel Gottes an ihren Stirnen tragen, beschränken auf jene 144.000 Versiegelten aus Israel, die einst in den letzten Kämpfen der widerchristlichen Macht gegen Jesu Gemeinde auf Erden vor dem Untergang bewahrt bleiben sollen. Wir wollen dabei stehen bleiben, daß alle, welche Gott als die Seinigen „versiegelt“ hat (2. Kor. 1, 22*; Eph. 1, 13**) bewahrt bleiben sollen vor der Macht und vor den Folgen der teuflischen Verführung.

*) 2. Kor. 1, 21.22: Gott ist’s aber, der uns befestigt samt euch in Christum und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen das Pfand, den Geist, gegeben hat.
**) Eph. 1, 13: Durch welchen auch ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, das Evangelium von eurer Seligkeit; durch welchen ihr auch, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung.

Und wie Gott seine Hand über denen hält, die er als die Seinigen erkennt, so ist auch für alle Menschen diesem furchtbaren Gericht doch Maß und Zeit bestimmt: fünf Monate soll es dauern (V. 5 und 10). Fünf Monate des Jahres (Mai bis September) sind die gefürchtete Zeit der Heuschreckenplage; auch das Gericht, das mit ihr verglichen ist, soll, wie sie, kommen und wieder gehen zur rechten Zeit. Dann ist ein Weh dahin.

Aber es steigt zu Gottes Stunde, früher oder später, ein neues Weh herauf und zeigt, daß es dem letzten Gerichte entgegengehe. Die 4 ersten Gerichtsschläge hatten die Wohnstätte der Menschen getroffen, das darauffolgende erste Weh die Menschen selbst als einzelne, nun trifft das zweite Weh (V. 13 ff.) die Völkerwelt als ganze. Wir wissen zum voraus, daß die Schrecken sich damit aufs Höchste steigern. Darum werden wir ausdrücklich erinnert, daß auch in den furchtbarsten Gerichten doch die Erhörung der Gebete der Gemeinde Christi enthalten ist, die wir gewiß zusammenfassen dürfen in die Bitte „Dein Reich komme“ oder „Ja, komm, Herr Jesus!“ (Off. 22, 20) – Wir hören, daß der Ruf zum Vollzuge des sechsten Posaunengerichtes, des zweiten Weh, vom Rauchopferaltar kommt, von dem wir zu Beginn des Gesichtes (8, 3-5) die Gebete der Heiligen zu Gott aufsteigen sahen. Von den „Hörnern des Altars“, in welche seine vier Ecken auslaufen, geht der Ruf aus; denn die 4 Hörner waren das Heiligste am Brandopfer- wie am Rauchopferaltar; dorthin wurde das Opferblut gestrichen, dorthin griff der Schutzsuchende, für den sonst Leben und alles verloren war (3. Mose 4, 7*; 1. Kön. 1, 50**).

*) 3. Mose 4, 7: Und soll von dem Blut tun auf die Hörner des Räucheraltars, der vor dem HERRN in der Hütte des Stifts steht, und alles übrige Blut gießen an den Boden des Brandopferaltars, der vor der Tür der Hütte des Stifts steht.
**) 1. Kön. 1, 50: Aber Adonia fürchtete sich vor Salomo und machte sich auf, ging hin und faßte die Hörner des Altars.

Der Engel stößt in die Posaune und auf den Zuruf vom Altar her, der wie die Frucht der Gebete der Heiligen sich anhört, entfesselt er die 4 Engel, „die gebunden sind an dem großen Wasserstrom Euphrat“.

Euphrat, Bild von Sergeant James McCauley [Public domain]

Dort am Euphrat ist Ausgangsort und Mittelpunlt der Menschenwelt; dort sind die Ursprünge der Weltmacht (1. Mose 10,10); von dort gingen die Völker aus in die Lande (1. Mose 11, 9); Babel am Euphrat ist das Urbild der Weltmacht vollends durch die Prophetie des Alten Testaments geworden, und blieb es darum für die Bildersprache der Offenbarung des Johannes. Also: Vom Quellpunkt der Weltmacht aus sollen die Verderbensmächte nach den vier Himmelsgegenden in die Völkerwelt hinausströmen. Sie sind vorhanden und sind einheimisch da, wo Weltmacht ist, und drohen allzeit loszubrechen; aber sie sind gebunden, bis Gott ihnen zulassen will, daß sie sich auswirken und das Verderben über die Welt ergießen.

Sie treten in dem Gesicht des Johannes auf in der Gestalt von bösen Engeln, wie Jesus und seine Apostel von Satansengeln reden (Matth. 25, 41; 2. Kor. 12, 7 u. ö.). Wir haben es also mit geistigen Mächten des Verderbens zu tun, die fort und fort durch die Weltgeschichte hindurch drohend ihr Haupt erheben, aber von Gott aufgehalten und zurückgehalten werden, bis seine Stunde gekommen ist, daß er sie zum Gericht über die Völker entfeßle. Sie sind wie Heerführer, welche über Heere gebieten, die eiligen Laufs, wie auf Rossen über die Erde sich ausbreiten. Ungeheuer ist deren Zahl, so daß man sie nicht übersehen oder schätzen kann, und doch auch sind sie abgezählt vor Gott, darum hört Johannes ihre Zahl: 200 Millionen. *)

*) Weder die Lesart noch wie die Zahl zu berechnen sei „zweimal Zehntausende mal Zehntausende“ (?) steht ganz fest.

Ausdrücklich werden wir gemahnt, nicht zu vergessen, daß wir nicht an wirkliche Schlachtrosse und Kriegsheere denken sollen: „ich sahe sie so im Gesichte“, schreibt Johannes; also nur Bilder sind sie von geistigen Mächten aus dem Reiche der Finsternis. Unüberwindlich, wie gepanzert sind sie, und man sieht es den Panzern an, daß sie aus der Hölle sind: Feuer, Rauch und Schwefel geben ihnen die Farbe. Wie mit offenen Löwenrachen wollen sie die Menschen verschlingen (2. Petr. 5, 8), und höllisches Verderben sprühen sie aus: Feuer, das verzehrt, Rauch, der erstickt, Schwefel, der brennend und erstickend zugleich tötet.

Der dritte Teil der Menschheit fällt ihrem Wüten zum Opfer, und wo sie vorübergegamgen sind, da tun sie noch hinterher Schaden wie giftige Schlangen, so daß auch die Überlebenden noch unter den Nachwehen dieser Reiterheere zu leiden haben.

„Von der Hölle entzündet“ (Jak. 3, 6) bricht dieses Verderben herein.

Jak. 3, 6: Und die Zunge ist auch ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Also ist die Zunge unter unsern Gliedern und befleckt den ganzen Leib und zündet an allen unsern Wandel, wenn sie von der Hölle entzündet ist.

Wir ahnen davon etwas, was Verderben aus der Hölle ist. Ist doch der furchtbare Krieg unsrer Tage entzündet durch unmenschliche Gier und teuflische Macht, und wird durch sie weitergenährt und weitergeführt: eiskalte Habgier eines Volks, glühende Rachgier eines andern, mehr als barbarisches Sengen und Brennen und Rauben eines Dritten umgeben unser deutsches Volk und möchten es vernichten, und durch alles hindurch herrscht wie gepanzert und unverwundbar mit sieghaft frecher Gewalt die Lüge; und wenn genug Blut geflossen ist, was werden die Nachwehen sein? – Wir wissen nicht, was alles entfesselt werden wird im Völkerleben, wenn das Weh der sechsten Posaune über die Welt kommen soll; aber wir ahnen etwas von der kommenden Macht der teuflischen Geister schon in unseren Tagen.

Aber was wird die Wirkung auf die Völkerwelt sein? Johannes sieht die Menschen, die übrig geblieben sind, in seinem Gesichte knien vor Götzen und Dämonen und weiterlebend in Mordtaten, Zaubern, Huren und Stehlen! Er sieht also die Welt bleiben, so wie er sie als gottentfremdet und gottwidrig kannte zu seiner Zeit, und das macht er uns zum Bild der letzten Zeit: alle Gottlosigkeit und Sittenlosigkeit wird weiter blühen; vor keinem Greuel im Zusammenleben werden die Menschen zurückschrecken; und ihre „Religion“ wird aus Wahngebilden und unheimlichen Versuchen, ins Geisterreich hinüberzugreifen, sich zusammensetzten. – Gottes Gerichte haben Verstockung gewirkt; das wird das furchtbare Ergebnis sein. Was ist noch zu erwarten? Drängt es nicht zur Vollendung des Gerichts durch die siebente Posaune?

Quellenangabe:

Christian Römer, weil. Prälat und Stiftsprediger zu Stuttgart: Die Offenbarung des Johannes, in Bibelstunden erläutert, S. 93ff (Verlag von D. Gundert, Stuttgart 1916)

Bilder: pixabay.de; Euphrat: Sergeant James McCauley [Public domain]